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Bescheidenheit

DIE weisen Leute, welche die Bescheidenheit, die nur eine stille, angenehme Begleiterin der Tugend sein sollte, zur Tugend selbst gemacht haben, wußten oder dachten nicht, welchen Dienst sie den Schurken in der Welt geleistet haben. Diese mögen sie recht gern so sehen; und wenn sie die Begleiterin so laut präkonisieren, so geschieht es darum, daß sich die Hauptperson selbst in die Begleiterin verkriechen soll. Es ist ihnen so ziemlich gelungen; denn die Tugend, die eigentlich kräftig tätig sein sollte, geht nun so still, zahm und fromm einher, als fürchte sie, mit jedem Laute ihren neuen aufgedrungenen Ehrennamen zu gefährden, als sei ihr Tun und Wirken selbst Ruhmrednerei. So herrscht eine Stille in der moralischen Welt, die beinahe verabredet zu sein scheint. Der Schurke schweigt, er weiß, warum; der Rechtschaffene, Biedere schweigt auch, weil er muß, weil man ihm Schweigen zur Tugend und Reden zur Prahlerei gemacht hat. Muß er nicht selbst seine Blicke nach dem Tone der Gesellschaft abmessen, wenn er darin gelitten sein will? Friedrich Maximilian Klinger (1752 – 1831)

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