Freitag, 6. November 2009

November-Abend

von Peter Altenberg (1859 – 1919)

Niemand geht gern auf die Straße, wenn er nicht aus irgendeinem Grunde muß. Die Kleider leiden, die Hüte schrumpfen ein, das Schuhwerk ächzt, kurz Alles befindet sich in einer gewissen Desorganisation. Die Straßen sind finster, feucht, unappetitlich. Man geht und schleicht, Lebens-müde. Hoffnung ist dahin. Man klammert sich an März, April, Mai, aber wo sind sie?! Unser ganzes Hotel-Personal hat n i e solche Gedanken. Eine merkwürdige Pflicht hält sie aufrecht. Der Tag, die Stunde regiert sie. Nun gut, das Schuhwerk ist feucht, schlapp, nachgiebig, fast zerrissen, aber Niemand hindert es. Man trägt die Unbilden der Natur, die sie Einem auferlegt. Nie eine Klage, eine Melancholie, sondern adeligste Ergebenheit in des Daseins unverständliches Schicksal! Womit man sie erfreuen kann?! Mit einem Uhrenständer, einem praktischen Tintenfaß, einer besonderen Vase. Sie gehen schlafen wie schlafbedürftige Tiere, rollen sich ein und schlafen bereits. Es ist nicht Resignation, es ist "gute Erziehung" von innen heraus. Ein Loch im Strumpfe ist keine Lebens-Angelegenheit, man näht es zu – oder man läßt es offen. Um 6 Uhr steht man auf, um Mitternacht rollt man sich unter die Bettdecke. "Hoffnungen" existieren nicht in diesen gesunden Gehirnen. An freien Tagen geht man ins Kino. Weshalb?! Niemand weiß es, man zieht "Knöpfelstiefer" an.
"Wie war es denn im Kino, Marie?!"
"No, so so, junger Herr, die Musik war gar nicht so schlecht."
Niemand hat eine Idee von dieser pathologischen Genügsamkeit. Das Einrollen in die schwere Bettdecke, wenn der Schlaf kommt, ist der Höhepunkt dieses N i c h t -lebens! Still trägt Jede ihre unabwendbare Lebensbürde. Eine Wunderbare kam zu mir: "Schenken's mir Ihre Sandalen, meine Sohlen sind durchgewetzt!" Ich schenke ihr meine Sandalen. "Die Leute werben mich auslachen, aber ich werde sagen, bitte, ich bin eine Schülerin vom Meister Altenberg!"

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Bücher und Menschen

Es geht uns mit den Büchern wie mit den Menschen. Wir machen zwar viele Bekanntschaften, aber wenige erwählen wir zu unseren Freunden, unseren vertrauten Lebensgefährten.Ludwig Feuerbach (1804 – 1872)

Sonntag, 11. Oktober 2009

Sinnenrausch

Der Sinnenrausch ist zur Liebe, was der Schlaf zum Leben.Novalis (1772 – 1801)

Samstag, 10. Oktober 2009

. . .

Alberne Leute sagen Dummheiten, Gescheite machen sie.Marie von Ebner-Eschenbach (1830 – 1916)

Donnerstag, 8. Oktober 2009

So . . .

Ich bin sehr für geliehene Bücher. Hat man selbst das Buch, glaubt man: ein andermal!Theodor Gottlieb von Hippel d. Ä. (1741 – 1796)

. . . oder so!

Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muß es besitzen.Friedrich Nietzsche (1844 – 1900)

Mittwoch, 7. Oktober 2009

"Liebesneid"

Eifersucht ist Liebesneid.Wilhelm Busch (1832 – 1908)

Dienstag, 6. Oktober 2009

Ehrlichkeit vs. Heuchelei

Bescheidenheit bei mittelmäßigen Fähigkeiten ist bloße Ehrlichkeit : bei großen Talenten ist sie Heuchelei.Arthur Schopenhauer (1788 – 1860)

Montag, 5. Oktober 2009

Perle


Wassertropfen

Samstag, 3. Oktober 2009

Oktobersonne


"Die Silberlinden des Platzes und der ausmündenden Straßen waren schon gelb und dünn belaubt, aber eine heißrote Oktobersonne schien durch weißlichen Staub und Dunst und machte die grüne, weißschäumende Limmat, deren lebendige Wasser, rasch und wirbelnd nach der Aufstauung, zu den Mühlen unterhalb der Brücken niederrauschen, zu einem erfrischenden, Erquickung hauchenden Anblick."

Aus: Ilse Frapan (1849 – 1908): Arbeit. Berlin: Gebrüder Paetel 1903.

"Matt und warm lag die Oktobersonne über dem Land; die Wälder flammten im Herbstlaub, die Äcker dehnten sich kahl, den Hügeln der Frankenhöhe entlang zogen Wolken als föhniger Flaum."

Aus: Jakob Wassermann (1873 – 1934): Das Gänsemännchen. Berlin: S. Fischer 1915.

"So kam nun der große Festtag heran, von der goldig mildesten Oktobersonne geleitet, welche einen Duftschleier nach dem andern von der Erde hob und zerfließen ließ, bis alles Gelände mit Bäumen und Hügeln in warmem Farbenschmucke erglänzte und die Ferne ringsherum in geheimnisvollem Blau eine glückverheißende Zukunft darstellte."

Aus: Gottfried Keller (1819 – 1890): Das Sinngedicht. Berlin: W. Hertz 1882–1884.

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Liebe

von Karoline von Günderode (1780 – 1806)

O reiche Armuth! Gebend, seliges Empfangen!
In Zagheit Muth! in Freiheit doch gefangen.
In Stummheit Sprache,
Schüchtern bei Tage,
Siegend mit zaghaftem Bangen.

Lebendiger Tod, im Einen sel'ges Leben
Schwelgend in Noth, im Widerstand ergeben,
Genießend schmachten,
Nie satt betrachten
Leben im Traum und doppelt Leben.

Donnerstag, 24. September 2009

Septembersonne in Berlin


"Septembersonne! In mattem Blaugrün spannt sich der Himmel über Berlin; alles Licht ist gedämpft, und die Schatten haben einen silbernen Ton. Auf den Anlagen der großen Plätze und in den Vorgärten der Häuser, die die Kultur mühsam dem spröden Sandboden abgerungen hat, feiert sie jetzt ihre größten Triumphe: vom hellen Gelb der Linden bis zum dunkeln Rot der Blutbuchen leuchten alle Farben des Herbstes; aus dem grünen Rasenteppich glänzen Astern in sanftem Violett und müdem Blau, während sich in wehmütigem Sterben blasse Rosen an die weißen Steinstufen der Estraden schmiegen. Goldene Blätter tanzen in lind bewegter Luft, und unter den Bäumen sitzen auf weißen Bänken jene modernen Frauen der Großstadt, die starke Farben scheuen wie starke Gefühle und Kleider tragen, die aussehen, als wären sie in der Sommersonne verblichen."

Aus: Lily Braun (1865 – 1916): Memoiren einer Sozialistin. Lehrjahre. München: Albert Langen 1909.

Montag, 14. September 2009

Blühende Neurosen . . .

Je größer durch Erziehung und Tradition die Spannung zwischen den Geschlechtern wird, desto größer wird eine aufgeblasene Sexualromantik, auf der die Neurosen nur so blühen.Peter Panter [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]

Sonntag, 13. September 2009

Kein Grund zur Panik . . .

. . . der deutschen Sprache droht kein "Verfall"!

"[...] Sonst übrigens wird die deutsche Sprache sogar durch die größte Gastfreiheit gegen Fremdlinge niemals verarmen und einkriechen. Denn stets zeugt sie (wie alle Wörterbücher beweisen) aus ihren immer frischen Stammbäumen hundertmal mehre Kinder und Enkel und Urenkel, als sie fremde Geburten an Kindes Statt annimmt; so daß nach Jahrhunderten die aus unsern forttreibenden Wurzelwörtern aufgegangne Waldung die nur als Flugsame aufgekeimten Fremd-Wörter ersticken und verschatten muß, zuletzt als ein wahrer Lianenwald aufgebäumt, dessen Zweige zu Wurzeln niederwachsen und dessen aufwärts gepflanzte Wurzeln zu Gipfeln ausschlagen. Wie fremd-durchwachsen und verwildert wird dagegen nach einigen Jahrhunderten z.B. die englische Sprache dastehen, mit dem vaterländischen, aber kraftlosen Stammvolleingeimpften Wortgebüsches, keines Schaffens, nur des Impfens fähig und aus dem doppelten Amerika mehr neue Wörter als Waren abholend! –"

Aus: Jean Paul: Hesperus oder 45 Hundposttage. Eine Lebensbeschreibung. Berlin 1795.

Mittwoch, 2. September 2009

Rundum glücklich . . .

Wenn du ein Gärtchen hast und eine Bibliothek, so wird dir nichts fehlen.Cicero (106 – 43 v. Chr.)

Herzlich willkommen!


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"In keiner Sprache kann man sich so schwer verständigen wie in der Sprache." – Karl Kraus

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