Montag, 17. Juli 2017

Wie wahr . . .

Ich vergesse das meiste, was ich gelesen habe, so wie das, was ich gegessen habe; ich weiß aber soviel, beides trägt nichtsdestoweniger zur Erhaltung meines Geistes und meines Leibes bei.
Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799)

Mittwoch, 12. Juli 2017

Erster Satz aus


Abu Telfan

von Wilhelm Raabe (1831 – 1910)

"An einem zehnten Mai zu Anfange des siebenten Jahrzehnts dieses, wie wir alle wissen, so hochbegnadeten, erleuchteten, liebenswürdigen neunzehnten Jahrhunderts setzte der von Alexandria kommende Lloyddampfer ein Individuum auf dem Molo von Triest ab, welches sich durch manche Sonderlichkeit im bunten Gewimmel der übrigen Passagiere auszeichnete und selbst den an mancherlei Erscheinungen der Menschen und Völker gewöhnten Tergestinern als etwas Neues sich darstellte."

Mittwoch, 5. Juli 2017

Erster Satz aus


Aus dem Leben eines Taugenichts

von Joseph von Eichendorff (1788 – 1857)

"Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen; mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine."

Sonntag, 2. Juli 2017

Erster Satz aus


Das Odfeld

von Wilhelm Raabe (1831 – 1910)

"Dicht am Odfelde, in der angenehmsten Mitte des Tilithi- oder auch Wikanafeldistan-Gaus, liegt auf dem Auerberge über dem romantischen, vom lustigen Forstbach durchrauschten, heute freilich arg durch Steinbrecherfäuste verwüsteten Hooptal das uralte Kloster Amelungsborn."

Samstag, 1. Juli 2017

Wie wahr . . .

Fremde Erfahrungen streifen das Gedächtnis,
eigne verleihen Fähigkeiten.
Emanuel Wertheimer (1846 – 1916)

Freitag, 30. Juni 2017

Frage und Antwort

von Friedrich Hebbel (1813 – 1863)

"Was ist die Liebe? Sag es mir,
Der du so vieles weißt!
Du bist ein Dichter: frage an
Bei deinem Dichtergeist!"

Ich weiß es wohl, doch kann ich's nicht
In Worten dir vertraun;
Ein Mittel gibt es: Liebe mich,
Da wirst du's deutlich schaun!

Mittwoch, 3. Mai 2017

Wenn ich lese . . .

An Zerstreuung läßt es uns die Welt nicht fehlen;
Wenn ich lese, will ich mich sammeln [...].
Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Sonntag, 23. April 2017

Heute ist:


Welttag-des-Buches1

Mittwoch, 29. März 2017

Warum man schreibt . . .


"Wenn man nicht an sich selbst glaubte, dürfte man ja überhaupt nicht schreiben. Es sagte mir einmal Fritz Mauthner, als wir beide noch Anfänger waren, ungefähr dies: 'Man schreibt, weil man das, worüber man schreibt, besser zu verstehen glaubt als andere Leute.'"

Aus: Ida Boy-Ed: Ich selbst? In: Berliner-Lokalanzeiger, 14. Juli 1922

Mittwoch, 22. März 2017

Menschliche Natur . . .

Man beneidet manchen um das,
worum er sich bedauert.
Emanuel Wertheimer (1846 – 1916)

Freitag, 17. März 2017

Lehrgedicht

von Kurt Tucholsky (1890 – 1935)

Wenn du mal gar nicht weiter weißt,
dann sag: Mythos.
Wenn dir der Faden der Logik reißt,
dann sag: Logos.
Und hast du nichts in deiner Tasse,
dann erzähl was vom tiefen Geheimnis der Rasse.
So erreichst du, daß keiner, wie er auch giert,
dich je kontrolliert.

Willst du diskret die Leute angeilen,
dann sag: Eros.
Sehr viel Bildung verleiht deinen Zeilen:
Dionysos.
Aber am meisten tun dir bieten
die katholischen Requisiten.
Tu fromm – du brauchst es gar nicht zu sein.
Sie fallen drauf rein.

Machs wie die Literatur-Attachés:
nimm ein Diarium.
Die Hauptsache eines guten Essays
ist das Vokabularium.
Eros und Mythos hats immer gegeben,
doch noch nie so viele, die von ihnen leben . . .
So kommst du spielend – immer schmuse du nur! –
in die feinere deutsche Literatur.

Dienstag, 14. März 2017

Frühlingsgewölk

von Klabund [i.e. Alfred Henschke (1890 – 1928)]

Frühlingsgewölk. Die Stare
Singen schön.
Die ersten Regentropfen trillern
Am Dach.

Die Wetterfahne weht
Nach Süden.
Die kleine Wiese
Weiss viel.

Träum ich die Tanne?
Träumt die Tanne mich?
Es lebt und stirbt
Sich leicht.

Montag, 13. März 2017

Die Verwandlung

von Aloys Blumauer (1755 – 1798)

Nach dem Französischen.

Es wundert dich, daß ein so garstig Ding,
Als eine Raupe ist, zum schönsten Schmetterling
In wenig Wochen wird: – mich wundert's nicht;
Denn wiss', auch manche Schöne kriecht
Als Raupe Morgens aus dem Bette,
Und kömmt als Schmetterling von der Toilette.

Mittwoch, 8. März 2017

Aus aktuellem Anlass . . .


Anlässlich des Internationalen Frauentages wird – einmal wieder – allenthalben Kurt Tucholsky zitiert. Verkürzt und aus dem Zusammenhang gerissen steht dann da zu lesen: "Es gibt keinen Erfolg ohne Frauen." Wer wissen möchte, wie das Originalzitat im Zusammenhang lautet, möge weiterlesen:

Die brennende Lampe

von Kaspar Hauser [i.e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]

Wenn ein jüngerer Mann, etwa von dreiundzwanzig Jahren, an einer verlassenen Straßenecke am Boden liegt, stöhnend, weil er mit einem tödlichen Gas ringt, das eine Fliegerbombe in der Stadt verbreitet hat, er keucht, die Augen sind aus ihren Höhlen getreten, im Munde verspürt er einen widerwärtigen Geschmack, und in seinen Lungen sticht es, es ist, wie wenn er unter Wasser atmen sollte –: dann wird dieser junge Mensch mit einem verzweifelten Blick an den Häusern hinauf, zum Himmel empor, fragen:

"Warum –?"

Weil, junger Mann, zum Beispiel in einem Buchladen einmal eine sanfte grüne Lampe gebrannt hat. Sie bestrahlte, junger Mann, lauter Kriegsbücher, die man dort ausgestellt hatte; sie waren vom ersten Gehilfen fein um die sanft brennende Lampe herumdrapiert worden, und die Buchhandlung hatte für dieses ebenso geschmackvolle wie patriotische Schaufenster den ersten Preis bekommen.

Weil, junger Mann, deine Eltern und deine Großeltern auch nicht den leisesten Versuch gemacht haben, aus diesem Kriegsdreck und aus dem Nationalwahn herauszukommen. Sie hatten sich damit begnügt – bitte, stirb noch nicht, ich möchte dir das noch schnell erklären, zu helfen ist dir ohnehin nicht mehr – sie hatten sich damit begnügt, bestenfalls einen allgemeinen, gemäßigten Protest gegen den Krieg loszulassen; niemals aber gegen den, den ihr sogenanntes Vaterland geführt hat, grade führt, führen wird. Man hatte sie auf der Schule und in der Kirche, und, was noch wichtiger war, in den Kinos, auf den Universitäten und durch die Presse national vergiftet, so vergiftet, wie du heute liegst: hoffnungslos. Sie sahen nichts mehr. Sie glaubten ehrlich an diese stumpfsinnige Religion der Vaterländer, und sie wußten entweder gar nicht, wie ihr eignes Land aufrüstete: geheim oder offen, je nach den Umständen; oder aber sie wußten es, und dann fanden sies sehr schön. Sehr schön fanden sie das. Deswegen liegst du, junger Mann.

Was röchelst du da –? "Mutter?" – Ah, nicht doch. Deine Mutter war erst Weib und dann Mutter, und weil sie Weib war, liebte sie den Krieger und den Staatsmörder und die Fahnen und die Musik und den schlanken, ranken Leutnant. Schrei nicht so laut; das war so. Und weil sie ihn liebte, haßte sie alle die, die ihr die Freude an ihrer Lust verderben wollten. Und weil sie das liebte, und weil es keinen öffentlichen Erfolg ohne Frauen gibt, so beeilten sich die liberalen Zeitungsleute, die viel zu feige waren, auch nur ihren Portier zu ohrfeigen, so beeilten sie sich, sage ich dir, den Krieg zu lobpreisen, halb zu verteidigen und jenen den Mund und die Druckerschwärze zu verbieten, die den Krieg ein entehrendes Gemetzel nennen wollten; und weil deine Mutter den Krieg liebte, von dem sie nur die Fahnen kannte, so fand sich eine ganze Industrie, ihr gefällig zu sein, und viele Buchmacher waren auch dabei. Nein, nicht die von der Rennbahn; die von der Literatur. Und Verleger verlegten das. Und Buchhändler verkauften das.

Und einer hatte eben diese sanft brennende Lampe aufgebaut, sein Schaufenster war so hübsch dekoriert; da standen die Bücher, die das Lob des Tötens verkündeten, die Hymne des Mordes, die Psalmen der Gasgranaten. Deshalb, junger Mann.

Eh du die letzte Zuckung tust, junger Mann:

Man hat ja noch niemals versucht, den Krieg ernsthaft zu bekämpfen. Man hat ja noch niemals alle Schulen und alle Kirchen, alle Kinos und alle Zeitungen für die Propaganda des Krieges gesperrt. Man weiß also gar nicht, wie eine Generation aussähe, die in der Luft eines gesunden und kampfesfreudigen, aber kriegablehnenden Pazifismus aufgewachsen ist. Das weiß man nicht. Man kennt nur staatlich verhetzte Jugend. Du bist ihre Frucht; du bist einer von ihnen – so, wie dein fliegender Mörder einer von ihnen gewesen ist.

Darf ich deinen Kopf weicher betten? Oh, du bist schon tot. Ruhe in Frieden. Es ist der einzige, den sie dir gelassen haben.

Aus: Die Weltbühne vom 2.6.1931, S. 815f. (27. Jg., Nr. 22)

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HELMUT ZEH

† 1. Juli 2005

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