Sonntag

Sonntag, 23. September 2007

Aber so ist das im Leben:

Das Schönste vom Sonntag ist der Sonnabend Abend.Theobald Tiger [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]

Sonntag, 16. September 2007

Sonntagspublikum vor Bühnen

von Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)

Sonntagskinder sind Arbeitsfreie,
Ungewöhnte. – Der Künstler verzeihe
Ihnen ihr fremdes Geschau.
Sonntagskinder sind plötzliche Fürsten,
Glücklich an Sonne, Dünnbier und Würsten.
Sonntagskinder sind himmelblau.

Kommen erwartend, spaziergangsmüde,
Niemals intolerant oder prüde,
Aber immer um Jahre zurück;
Merken es nicht, wenn die Rampenscheinwelt
Sich auf ihre Müdigkeit einstellt,
Schlafen sich nachtweg ins Wochentagsglück.

Sonntag, 9. September 2007

Sonntag

von Alfred Lichtenstein (1889 – 1914)

Ein Kaufmann geht mit Frau und Kind spazieren.
Schulbuben fahren um die Wette Rad.
Frau Sonne trocknet einen Leichenkutscher.
Ein Spieler setzt den anderen schachmatt.

Korrekte Leute wandern in die Kirchen.
In einem Zimmer hängt sich einer auf.
Todmüder Dichter wirft in schönster Stunde
Zum letztenmal die kranke Faust hinauf.

Sonntags-Aberglaube

gesammelt von Karl Bartsch (1832 – 1888)

72.
Ein Kind, welches am Sonntag geboren ist, darf nicht am Donnerstag, und ein Kind, welches am Donnerstag geboren ist, nicht am Sonntage getauft werden, sonst kann das Kind 'allens', d. h. Geister seh'n; oder: sie werden 'Hellseher'.

447.
Für den Schwindel. Den Sonntag vor dem Vollmond vor der Sonne, dann sucht man sich des Abends vorher einen jungen Pflaumenbaum, mache ein Loch an die Nordseite, und mache ein Loch, wo der Schwindel ist, daß da Blut herauskommt; das Blut fange in Baumwolle und thue es in das Loch des Baumes. Von dem Reis des Baumes machst du einen Pfropfen und machst das Loch damit zu. Man muß aber ein wenig Baumwachs oder Lehm darauf schmieren.

747.
Zur Strafe, daß die Biene am Sonntag nicht feiert, kann sie dem rothen Klee keinen Honig entnehmen.

1139.
Wenn man Sonnabend Abends oder Sonntag Wolle 'afwinnt', so bekommen die Schafe, von denen die Wolle ist, die Drehkrankheit (sei wardn narrsch).

1143.
Wer an einem Sonntag geboren ist, ist ein Glückskind.

1144a.
Wer an einem Sonntage geboren ist, besitzt die Gabe, Geister zu sehen.

1144b.
Wird ein Kind Sonntags Nachts zwischen zwölf und ein Uhr geboren, so kann es alle Gespenster sehen.

1144d.
Sonntagskinder können am Johannistage Mittags eine goldene Schüssel auf der Teufelsgrube in Rostock schwimmen sehen.

1145.
Wer Sonntags während des Gottesdienstes das Haar kämmt, kommt in die Hölle.

1146.
Näht man Sonntags Hemden oder Betttücher und hat man am Sterbetage von dem am Sonntag genähten Zeug an oder um sich, so kann man nicht sterben, bis es vertauscht ist. Dies thut man daher bei Menschen, die in langem Todeskampfe liegen.

1147.
Sonntagsbesserung beim Kranken taugt nichts.

1149.
Wenn es am Sonntag vor der Predigt (Messe) regnet, regnet es die ganze Woche.

1368.
Regnet es am Ostertage, so soll es alle Sonntage bis Pfingsten regnen.

1549.
Wer während eines Sonntags (während der Kirche) lügt, hinter dem schlägt der Blitz ein.

Sonntag, 6. Mai 2007

Sonntag-Nachmittag

von Peter Panter [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]

In meiner Straße ist es still – so still. Der Wind weht ein paar Glockenklänge herüber, aber man fühlte auch ohne sie, daß heute Sonntag ist. Ein kleiner Hund läuft über den Damm und hält seinen buschigen Schwanz steil und ernsthaft in die Höhe … Ich stehe auf dem Balkon und probiere eine neue Pfeife … Piston
Und da erhebt ein Piston seine Stimme, seine laute Stimme, seine posaunige Stimme, und es wird treu und bieder geblasen. „Den schönsten Platz, den ich auf Erden hab“, – singt das Piston – „das ist die Rasenbank am Elterngrab …“ Ordentlich mit einer Fermate vor dem Refrain und ruhevollem Ausharren auf den Gipfelpunkten der Musik … „Oh“, singt das Piston, „was war es doch früher für eine schöne Zeit! Der Kaiser fuhr über die Linden, und alle Leute nahmen die Hüte ab und riefen Hurra. Wenn einer vom Unterdiätar zum Oberdiätar befördert wurde, zog er sich einen schwarzen Kaiserwilhelmgedächtnisrock an und machte bei seinem höhern Vorgesetzten einen Diener. Zu Hause gab es dann Gänsebraten und sauern Rotwein, und Heddy bekam Popoklatsche, weil sie sich die Sauce über das himmelblaue Kleid gegossen hatte. Es war eine schöne Zeit.“ Erschüttert schweigt das Piston. Dann singt es wieder. „Der Arbeiter war ein Arbeiter und ein etwas verachtetes Tier; wir aber waren wohlfundierte Existenzen, und niemand störte unser freundliches Spiel. Bei Vorstellungen sagte man von seiner Frau: ‚Gemahlin’ und wußte überhaupt, was sich gehörte. Und die Liebe –? Ach, ja, die Liebe …“ Der Pistonbläser bläst – ich sehe ihn nicht – nun mit vollen Backen. „Ach, Tanzabend in Hasensee, Ball und Karussell und Spaziergang im Mondenschein! Ihr Schuhband löste sich, und das Weitere machte sich von allein! Und das Vaterland –?“ Hier hebt der Bläser an, Wagner zu blasen. Markig und donnernd entladen sich die Klänge seiner fetten Trompete.
An allen Fenstern Gesichter. Sie glänzen. Das Piston spricht aus, was sie alle empfinden.

Sonntag, 15. April 2007

Sonntagsmorgen, im Bett

von Theobald Tiger [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]

Was – was ist?
Ach so. Heute ist Sonntag. Da kann ich noch liegen.
Mit den Schultern kuscheln. Mich ans Kopfkissen schmiegen –
Aus alter Gewohnheit wacht man sonntags immer
so früh auf wie wochentags – das kommt vielleicht von dem Schimmer
da von den Jalousien – was ist denn das für ein Geratter und Gebraus?
Na, jedenfalls heute muß ich nicht raus.

Ich kann heute ganz stille liegen und ruhn.
Und muß gar nichts. Und hier kann mir keiner was tun.
So ein Bett ist eigentlich eine schöne Sache –
da müßte noch so eine Sonnenplache
drüber sein, und dann fährt man damit überall hin.
Woher kommt das, daß ich heute so furchtbar müde bin –?

Gestern abend haben wir wesentlich zu viel Schwedenpunsch getrunken,
Paul war zum Schluß ganz in seinen Sessel versunken;
ich habe auch noch so einen komischen Geschmack im Mund
und – –

Halb neun! Da muß ich richtig wieder eingeschlafen sein.
Sonntagsmorgen im Bett, das ist fein.
Das heißt: Was nun noch kommt, ist weniger schön . . .
Heute muß ich zu Onkel Otto und Tante Frieda gehn –
Margot ist auch da, die keusche Lilie . . .
Warum, lieber Gott, ist man sonntags stets in Familie?
Vor Tisch sind sie beleidigt, und nach Tisch sind sie satt –
wenn ich dran denke, wird mir jetzt schon ganz matt.

Abends ist Theater . . . morgen muß ich unbedingt mal mit Kempner telefonieren:
Er muß mir die Diele billiger tapezieren –
achtzig ist zu viel – der Junge ist wohl nicht ganz gesund!
und – –

Halb zehn!
»Willi! Aufstehn! Aufstehn!«
Ja doch, ja!
Ich stehe ja schon auf, Mama –

Jetzt geht der Sonntag los! Nein: eigentlich ist er jetzt vorbei.
Jetzt kommen die Zeitungen und Briefe und Telefon und Geschrei.
Das ist nun weniger geruhsam und labend . . .

Aber so ist das im Leben:
Das Schönste vom Sonntag ist der Sonnabend Abend.

Sonntag, 1. April 2007

Sonntagnachmittag

von Alfred Lichtenstein (1889 – 1914)

Auf faulen Straßen lagern Häuserrudel,
Um deren Buckel graue Sonne hellt.
Ein parfümierter, halbverrückter kleiner Pudel
Wirft wüste Augen in die große Welt.

In einem Fenster fängt ein Junge Fliegen.
Ein arg beschmiertes Baby ärgert sich.
Am Himmel fährt ein Zug, wo windge Wiesen liegen;
Malt langsam einen langen dicken Strich.

Wie Schreibmaschinen klappen Droschkenhufe.
Und lärmend kommt ein staubger Turnverein.
Aus Kutscherkneipen stürzen sich brutale Rufe.
Doch feine Glocken dringen auf sie ein.

In Rummelplätzen, wo Athleten ringen,
Wird alles dunkler schon und ungenau.
Ein Leierkasten heult und Küchenmädchen singen.
Ein Mann zertrümmert eine morsche Frau.

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HELMUT ZEH

† 1. Juli 2005

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