Melancholie
von Peter Altenberg (1859 – 1919)
Niemand geht gern auf die Straße, wenn er nicht aus irgendeinem Grunde muß. Die Kleider leiden, die Hüte schrumpfen ein, das Schuhwerk ächzt, kurz Alles befindet sich in einer gewissen Desorganisation. Die Straßen sind finster, feucht, unappetitlich. Man geht und schleicht, Lebens-müde. Hoffnung ist dahin. Man klammert sich an März, April, Mai, aber wo sind sie?! Unser ganzes Hotel-Personal hat n i e solche Gedanken. Eine merkwürdige Pflicht hält sie aufrecht. Der Tag, die Stunde regiert sie. Nun gut, das Schuhwerk ist feucht, schlapp, nachgiebig, fast zerrissen, aber Niemand hindert es. Man trägt die Unbilden der Natur, die sie Einem auferlegt. Nie eine Klage, eine Melancholie, sondern adeligste Ergebenheit in des Daseins unverständliches Schicksal! Womit man sie erfreuen kann?! Mit einem Uhrenständer, einem praktischen Tintenfaß, einer besonderen Vase. Sie gehen schlafen wie schlafbedürftige Tiere, rollen sich ein und schlafen bereits. Es ist nicht Resignation, es ist "gute Erziehung" von innen heraus. Ein Loch im Strumpfe ist keine Lebens-Angelegenheit, man näht es zu – oder man läßt es offen. Um 6 Uhr steht man auf, um Mitternacht rollt man sich unter die Bettdecke. "Hoffnungen" existieren nicht in diesen gesunden Gehirnen. An freien Tagen geht man ins Kino. Weshalb?! Niemand weiß es, man zieht "Knöpfelstiefer" an.
"Wie war es denn im Kino, Marie?!"
"No, so so, junger Herr, die Musik war gar nicht so schlecht."
Niemand hat eine Idee von dieser pathologischen Genügsamkeit. Das Einrollen in die schwere Bettdecke, wenn der Schlaf kommt, ist der Höhepunkt dieses N i c h t -lebens! Still trägt Jede ihre unabwendbare Lebensbürde. Eine Wunderbare kam zu mir: "Schenken's mir Ihre Sandalen, meine Sohlen sind durchgewetzt!" Ich schenke ihr meine Sandalen. "Die Leute werben mich auslachen, aber ich werde sagen, bitte, ich bin eine Schülerin vom Meister Altenberg!"
Clarisse1 - 6. Nov, 14:22
von Franz Kafka (1883 – 1924)
Aus einem elenden Zustand sich zu erheben, muß selbst mit gewollter Energie leicht sein. Ich reiße mich vom Sessel los, umlaufe den Tisch, mache Kopf und Hals beweglich, bringe Feuer in die Augen, spanne die Muskeln um sie herum. Arbeite jedem Gefühl entgegen, begrüße A. stürmisch, wenn er jetzt kommen wird, dulde B. freundlich in meinem Zimmer, ziehe bei C. alles, was gesagt wird, trotz Schmerz und Mühe mit langen Zügen in mich hinein.
Aber selbst wenn es so geht, wird mit jedem Fehler, der nicht ausbleiben kann, das Ganze, das Leichte und das Schwere, stocken, und ich werde mich im Kreise zurückdrehen müssen.
Deshalb bleibt doch der beste Rat, alles hinzunehmen, als schwere Masse sich verhalten, und fühle man sich selbst fortgeblasen, keinen unnötigen Schritt sich ablocken lassen, den anderen mit Tierblick anschaun, keine Reue fühlen, kurz, das, was vom Leben als Gespenst noch übrig ist, mit eigener Hand niederdrücken, das heißt, die letzte grabmäßige Ruhe noch vermehren und nichts außer ihr mehr bestehen lassen.
Eine charakteristische Bewegung eines solchen Zustandes ist das Hinfahren des kleinen Fingers über die Augenbrauen.
Clarisse1 - 14. Aug, 08:29
von Peter Altenberg (1859 – 1919)
Ich bin ein fanatischer Anti-Alkoholiker, aber ausschliesslich nach dem Tolstoi-Prinzipe: Wenn die Menschen einmal so gesundheitsgemäss, so weise mässig, so bewusst, erkennend das Gute und das Böse, leben werden, dann werden sie in ihren genialen Nüchternheiten des Alkohols entbehren können. Die Krücke Alkohol für den Lahmen! Der Alkohol ist das Betäubungsmittel, damit wir es nicht spüren, wie weit entfernt von unseren innersten unentrinnbaren Idealen wir dahin vegetieren! Damit wir nicht vorzeitig verzweifeln! Der Alkohol lässt uns Zeit – – – zum Entschluss des Selbstmords! Der Gulden, den wir mehr ausgeben als wir sollten, die Frau, die wir als Ungeliebte, Unverehrte dennoch in unsere Arme nehmen, die Stunde, die wir dem notwendigen Schlafe rauben, die Nahrung, die wir überflüssigerweise geniessen, alles, alles, was nicht das heilige Notwendige im Haushalt des natürlichen Organismus repräsentiert, es muss durch Alkohol in unseren reuevollen Gedächtnissen ausgetilgt werden! Die Melancholie über seine Sünden, seine Unwissenheiten, seine Schwachheiten muss hinweggeschwemmt werden durch Bier und Wein und Schnaps! Bei irgend einem Glase Bier wird einem die ohne Liebe genossene Frau, der überflüssig ausgegebene Gulden und das ganze Martyrium des Daseins gleichgiltig! Bier besiegt jede unglückliche Stimmung, schwemmt sie dahin. Der Zins steht vor der Türe oder die Schneider- Rechnung. Aber beim vierten Krügel Löwenbräu sage ich dem Hausherrn die grässlichsten Dinge ins Gesicht, innerlich natürlich, schmeisse ich den Schneider die fünf Treppen hinab, innerlich. Und selbst die Geliebte erhält einen Tritt, innerlich. Bier besiegt jede unglückliche Liebe.
Alkohol füllt die schreckliche Kluft aus zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir sein möchten, sein sollten! Werden müssten! Als der Affe erkannte, dass er ein Mensch werden könnte, begann er zu saufen, um den Schmerz seines Noch-Affe-Seins hinwegzuschwemmen. Als der Mensch erkannte, dass er ein Göttlicher werden könnte, begann er zu saufen, um den Schmerz seines Noch-Mensch-Seins hinwegzuschwemmen. Gebt dem Menschen die ihm zugehörige Tätigkeit – geistige oder körperliche –, die ihm zugehörige Frau, die ihm zugehörige Nahrung, die ihm zugehörige Ruhe – – – und er wird es, ohne selbst es zu wissen, spüren: Αριστον μεν ύδωρ*.
Alkohol ist die Ausgleichung für unsere Unzulänglichkeiten! Je zulänglicher wir sind nach den idealen Plänen Gottes, desto weniger Alkohol brauchen wir. Alkohol ist der Massstab für die Melancholie des Idealisten. Ich schwemme es hinweg, dass ich noch nicht göttlich sein kann!
*Das Beste ist das Wasser. Pindar: Olympia I, 1.
Clarisse1 - 1. Jun, 15:44
von Karl Bleibtreu (1859 – 1928)
Es giebt eine doppelte Gattung unglücklicher Menschen: Solche die es sind, und solche, die sich so fühlen. Selten vereint sich Beides und das scheint eine weise Fügung der bekannten Vorsehung. Denn die Verbindung dieser Momente würde den Selbstmord zur allgemeinen Manie erheben.
So giebt es denn nur nicht nur Tausende, die, von stetem Glück verfolgt, eine ewige Melancholie mit sich herumschleppen, sondern auch bestimmte Lieblinge des Unglücks, die alle möglichen Miseren mit eselhafter Geduld zu tragen wissen. Besonders die sogenannten Idealisten, eine Menschenrace, die mit der Zeit in unsrem Jahrhundert aussterben und als Naturwunder secirt werden wird. – –
Aus: Karl Bleibtreu: Größenwahn. Leipzig: Friedrich 1888.
Clarisse1 - 28. Feb, 15:10
Melancholie jeglicher Art ist das Gefühl der Unfähigkeit, den Weg seiner Ideale zu Ende gehen zu können! Deshalb machen sich die, die sich schwach fühlen, vorzeitig künstliche nahegelegene Ideale, um ihren Melancholien entrinnen zu können!Peter Altenberg (1859 – 1919)
Clarisse1 - 27. Feb, 17:32
von Luise Hensel (1798 – 1876)
Mir wird's zu eng in meinem Haus,
Ich muß in's weite Feld hinaus.
Ich will durch öde Haide gehn,
Wo Stürm' in hohen Tannen wehn:
Vielleicht verweht der trübe Schmerz,
Vielleicht schweigt dort mein jammernd Herz.
Ich will am Quellenbächlein stehn,
Will in die klaren Wellen sehn:
Vielleicht versenk' ich meinen Schmerz;
Dort schweigt ein Weilchen wohl mein Herz.
Ich will auf hohe Berge gehn,
Will weit durch ferne Fluren späh'n:
Vielleicht verliert sich dort mein Schmerz,
Vielleicht vergeß ich so mein Herz.
Ich will nach Blumen suchen gehn,
Will mich mit Kränzen schmücken schön,
In Blüthen bergen meinen Schmerz:
Vielleicht betrüg' ich so mein Herz.
Ich will – ach nein, ich will nichts mehr;
Die Welt ist trüb' und kalt und leer.
Clarisse1 - 10. Jan, 13:41
Allen Veränderungen, selbst jenen, die wir ersehnt haben, haftet etwas Melancholisches an, denn wir lassen einen Teil von uns selbst zurück. Wir müssen ein Leben sterben, ehe wir ein anderes beginnen können.Anatole France (1844 – 1924)
Clarisse1 - 23. Dez, 20:37
von Georg Heym (1887 – 1912)
Die Menschen stehen vorwärts in den Straßen
Und sehen auf die großen Himmelszeichen,
Wo die Kometen mit den Feuernasen
um die gezackten Türme drohend schleichen.
Und alle Dächer sind voll Sternedeuter,
Die in den Himmel stecken große Röhren,
Und Zauberer, wachsend aus den Bodenlöchern,
Im Dunkel schräg, die ein Gestirn beschwören.
Selbstmörder gehen nachts in großen Horden,
Die suchen vor sich ihr verlornes Wesen,
Gebückt in Süd und West und Ost und Norden,
Den Staub zerfegend mit den Armen-Besen.
Sie sind wie Staub, der hält noch eine Weile.
Die Haare fallen schon auf ihren Wegen.
Sie springen, daß sie sterben, und in Eile,
Und sind mit totem Haupt im Feld gelegen,
Noch manchmal zappelnd. Und der Felder Tiere
Stehn um sie blind und stoßen mit dem Horne
In ihren Bauch. Sie strecken alle Viere,
Begraben unter Salbei und dem Dorne.
Die Meere aber stocken. In den Wogen
Die Schiffe hängen modernd und verdrossen,
Zerstreut, und keine Strömung wird gezogen,
Und aller Himmel Höfe sind verschlossen.
Die Bäume wechseln nicht die Zeiten
Und bleiben ewig tot in ihrem Ende,
Und über die verfallnen Wege spreiten
Sie hölzern ihre langen Finger-Hände.
Wer stirbt, der setzt sich auf, sich zu erheben,
Und eben hat er noch ein Wort gesprochen,
Auf einmal ist er fort. Wo ist sein Leben?
Und seine Augen sind wie Glas zerbrochen.
Schatten sind viele. Trübe und verborgen.
Und Träume, die an stummen Türen schleifen,
Und der erwacht, bedrückt vom Licht der Morgen,
Muß schweren Schlaf von grauen Lidern streifen.
Clarisse1 - 26. Nov, 11:12
von Peter Altenberg (1859 – 1919)
Ich bin ein fanatischer Anti-Alkoholiker, aber ausschließlich nach dem Tolstoi-Prinzipe: Wenn die Menschen einmal so gesundheitgemäß, so weise mäßig, so bewußt, erkennend das Gute und das Böse, leben werden, dann werden sie in ihren genialen Nüchternheiten des Alkohols entbehren können. Die Krücke Alkohol für den Lahmen! Der Alkohol ist das Betäubungsmittel, damit wir es nicht spüren, wie weit entfernt von unseren innersten unentrinnbaren Idealen wir dahin vegetieren! Damit wir nicht vorzeitig verzweifeln! Der Alkohol läßt uns Zeit – – – zum Entschluß des Selbstmords! Der Gulden, den wir mehr ausgeben als wir sollten, die Frau, die wir als Ungeliebte, Unverehrte dennoch in unsere Arme nehmen, die Stunde, die wir dem notwendigen Schlafe rauben, die Nahrung, die wir überflüssigerweise genießen, Alles, Alles, was nicht das heilige Notwendige im Haushalt des natürlichen Organismus repräsentiert, es muß durch Alkohol in unseren reuevollen Gedächtnissen ausgetilgt werden! Die Melancholie über seine Sünden, seine Unwissenheiten, seine Schwachheiten muß hinweggeschwemmt werden durch Bier und Wein und Schnaps! Bei irgend einem Glase Bier wird einem die ohne Liebe genossene Frau, der überflüssig ausgegebene Gulden und das ganze Martyrium des Daseins wurst! Bier besiegt jede unglückliche Stimmung, schwemmt sie dahin. Der Zins steht vor der Türe oder die Schneider-Rechnung. Aber beim vierten Krügel Löwenbräu sage ich dem Hausherrn die gräßlichsten Dinge ins Gesicht, innerlich natürlich, schmeiße ich den Schneider die fünf Treppen hinab, innerlich. Und selbst die Geliebte erhält einen Tritt, innerlich. Bier besiegt jede unglückliche Liebe.
Alkohol füllt die schreckliche Kluft aus zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir sein möchten, sein sollten! Werden müssen! Als der Affe erkannte, daß er ein Mensch werden könnte, begann er zu saufen, um den Schmerz seines Noch-Affe-Seins hinwegzuschwemmen. Als der Mensch erkannte, daß er ein Göttlicher werden könnte, begann er zu saufen, um den Schmerz seines Noch-Mensch-Seins hinwegzuschwemmen. Gebt dem Menschen die ihm zugehörige Tätigkeit – geistige oder körperliche –, die ihm zugehörige Frau, die ihm zugehörige Nahrung, die ihm zugehörige Ruhe – – – und er wird es, ohne selbst es zu wissen, spüren: Ἄριστον μὲν ὺδωρ.
Alkohol ist die Ausgleichung für unsere Unzulänglichkeiten! Je zulänglicher wir sind nach den idealen Plänen Gottes, desto weniger Alkohol brauchen wir. Alkohol ist der Maßstab für die Melancholie des Idealisten. Ich schwemme es hinweg, daß ich nicht göttlich sein kann!
–––––––––––––––––––––––––––––––––––––
Aus: Die Fackel Nr. 160 vom 23.4.1904, S. 17ff.
Clarisse1 - 27. Okt, 16:52
von August Stramm (1874 – 1915)
Schreiten Streben
Leben sehnt
Schauern Stehen
Blicke suchen
Sterben wächst
Das Kommen
Schreit!
Tief
Stummen
Wir.
Clarisse1 - 26. Okt, 16:05