Galgenlieder
von Christian Morgenstern (1871 – 1914)
Zwei Tannenwurzeln groß und alt
unterhalten sich im Wald.
Was droben in den Wipfeln rauscht,
das wird hier unten ausgetauscht.
Ein altes Eichhorn sitzt dabei
und strickt wohl Strümpfe für die zwei.
Die eine sagt: knig. Die andre sagt: knag.
Das ist genug für einen Tag.
Clarisse1 - 15. Jul, 08:58
von Christian Morgenstern (1871 – 1914)
Ein finstrer Esel sprach einmal
zu seinem ehlichen Gemahl:
"Ich bin so dumm, du bist so dumm,
wir wollen sterben gehen, kumm!"
Doch wie es kommt so öfter eben:
Die beiden blieben fröhlich leben.
Clarisse1 - 8. Apr, 09:55
von Christian Morgenstern (1871 – 1914)
Der Zwölf-Elf kam auf sein Problem
und sprach: 'Ich heiße unbequem.
Als hieß ich etwa Drei-Vier
statt Sieben – Gott verzeih mir!'
Und siehe da, der Zwölf-Elf nannt sich
von jenem Tag ab Dreiundzwanzig.
Clarisse1 - 20. Feb, 12:34
von Christian Morgenstern (1871 – 1914)
Das Perfekt und das Imperfekt
tranken Sekt.
Sie stießen aufs Futurum an
(was man wohl gelten lassen kann).
Plusquamper und Exaktfutur
blinzten nur.
Clarisse1 - 1. Okt, 09:56
von Christian Morgenstern (1871 – 1914)
Palmström kann nicht ohne Post
leben:
Sie ist seine Kost.
Täglich dreimal ist er ganz
Spannung.
Täglich ists der gleiche Tanz.
Selten hört er einen Brief
plumpsen
in den Kasten breit und tief.
Düster schilt er auf den Mann,
welcher,
wie man weiß, nichts dafür kann.
Endlich kommt er drauf zurück,
auf das:
"Warenhaus für Kleines Glück".
Und bestellt dort, frisch vom Rost
(quasi):
ein Quartal – "Gemischte Post"!
Und nun kommt von früh bis spät
Post von
aller Art und Qualität.
Jedermann teilt sich ihm mit,
brieflich,
denkt an ihn auf Schritt und Tritt.
Palmström sieht sich in die Welt
plötzlich
überall hineingestellt . . .
Und ihm wird schon wirr und weh . . .
Doch es
ist ja nur das – "K.W.G."
Clarisse1 - 31. Jul, 06:22
von Christian Morgenstern (1871 – 1914)
Ein nervöser Mensch auf einer Wiese
wäre besser ohne sie daran;
darum seh er, wie er ohne diese
(meistens mindstens) leben kann.
Kaum, daß er gelegt sich auf die Gräser,
naht der Ameis, Heuschreck, Mück und Wurm,
naht der Tausendfuß und Ohrenbläser,
und die Hummel ruft zum Sturm.
Ein nervöser Mensch auf einer Wiese
tut drum besser, wieder aufzustehn
und dafür in andre Paradiese
(beispielshalber: weg) zu gehn.
Clarisse1 - 24. Jul, 09:23
von Christian Morgenstern (1871 – 1914)
Ein finstrer Esel sprach einmal
zu seinem ehlichen Gemahl:
"Ich bin so dumm, du bist so dumm,
wir wollen sterben gehen, kumm!"
Doch wie es kommt so öfter eben:
Die beiden blieben fröhlich leben.
Clarisse1 - 8. Jul, 08:34
von Christian Morgenstern (1871 – 1914)
Der Ochsenspatz
Die Kamelente
Der Regenlöwe
Die Turtelunke
Die Schoßeule
Der Walfischvogel
Die Quallenwanze
Der Gürtelstier
Der Pfauenochs
Der Werfuchs
Die Tagtigall
Der Sägeschwan
Der Süßwassermops
Der Weinpintscher
Das Sturmspiel
Der Eulenwurm
Der Giraffenigel
Das Rhinozepony
Die Gänseschmalzblume
Der Menschenbrotbaum.
Clarisse1 - 28. Jun, 05:44
von Christian Morgenstern (1871 – 1914)
Jaguar
Zebra
Nerz
Mandrill
Maikäfer
Pony
Muli
Auerochs
Wespenbär
Locktauber
Robbenbär
Zehenbär
Clarisse1 - 5. Jun, 00:40
von Christian Morgenstern (1871 – 1914)
Wenns mitternächtigt und nicht Mond
noch Stern das Himmelshaus bewohnt,
läuft zwölfmal durch das Himmelshaus
die Mitternachtsmaus.
Sie pfeift auf ihrem kleinen Maul, –
im Traume brüllt der Höllengaul …
Doch ruhig läuft ihr Pensum aus
die Mitternachtsmaus.
Ihr Herr, der große weiße Geist,
ist nämlich solche Nacht verreist.
Wohl ihm! Es hütet ihm sein Haus
die Mitternachtsmaus.
Die Mitternachtsmaus ist die sittliche Weltordnung.
Aus: Sechsundzwanzig Galgenlieder und deren gemeinverständliche Deutung durch Jeremias Mueller, Dr. phil., Privatgelehrter
Clarisse1 - 30. Mai, 00:00