L(i)eben
Der Sinnenrausch ist zur Liebe, was der Schlaf zum Leben.Novalis (1772 – 1801)
Clarisse1 - 11. Okt, 15:19
von Karoline von Günderode (1780 – 1806)
O reiche Armuth! Gebend, seliges Empfangen!
In Zagheit Muth! in Freiheit doch gefangen.
In Stummheit Sprache,
Schüchtern bei Tage,
Siegend mit zaghaftem Bangen.
Lebendiger Tod, im Einen sel'ges Leben
Schwelgend in Noth, im Widerstand ergeben,
Genießend schmachten,
Nie satt betrachten
Leben im Traum und doppelt Leben.
Clarisse1 - 1. Okt, 14:51
Es gibt doch nur eine wirkliche Gehirnkrankheit: Ehrgeiz. Du bist da, wie lange, und dann bist Du nicht mehr da, ewig. Und währenddessen bist Du ehrgeizig?! Beschäftige Dich mit der Restlosigkeit Deines Schlafens, mit Deinen unentrinnbaren Verdauungskräften, mit Wiesen, Wäldern, Seen, Bächen. Aber lasse jeglichen Ehrgeiz. Der, der dich beneidet, ist Deine Bemühung nicht wert. Und: Wer beneidet Dich?! Jeder sucht Dir zu beweisen, daß Du Dich auf einem falschen Wege befindest. Niemand würde mit Dir tauschen. Ehrgeiz ist ein Irrsinn, eine schwere Gehirnkrankheit: Du bist da, wie lange, wie kurz, und Du bist nicht mehr da, ewig. Und währenddessen soll Dich Herr – um irgend Etwas beneiden?! Ave Diogenes!Peter Altenberg (1859 – 1919)
Clarisse1 - 17. Aug, 11:01
Weil ich deinen Kuß noch fühle
von Max Dauthendey (1867 – 1918)
Schwüle geht im Herzen um,
Weil ich deinen Kuß noch fühle.
Geh' ums Leben heut herum,
Möcht' kein Wörtlein von mir geben,
Nur das Herz möcht' mir entschweben,
Lippen blieben gerne stumm.
Tragen von der Liebesstund
Noch die süße Blüte und
Alle Glieder sagen warm:
Arm macht niemand je mich wieder.
Clarisse1 - 6. Jul, 10:19
von Bruno Wille (1860 – 1928)
Vorbei! Die Stunden wandern;
Ins Schattenreich entschwebt
Der eine Tag zum andern . . .
O Herz, heißt das gelebt?
Noch blüht ihr, letzte Rosen,
Vom Abendstrahl umloht;
Mit kalter Hand zu kosen,
Kommt diese Nacht der Tod.
Der Garten wird verschneien . . .
Dann fragt ein Seufzen schwer:
Warum nur blieb im Maien
Dies Herz von Liebe leer?
Mein Leben geb ich gerne
Um Kuß und zärtlich Wort.
Und bleibt die Liebe ferne,
Ich werf es achtlos fort.
Mag Stund auf Stunde rinnen;
Was kümmert mich die Zeit!
Ein Augenblick voll Minnen
Wiegt eine Ewigkeit.
Clarisse1 - 2. Jul, 13:09
von Justinus Kerner (1786 – 1862)
An Sie.
Wann du geboren, weiß ich nicht,
Will's wissen nicht, wenn ich's auch fände,
Sei mir ein Kreis, ein ew'ges Licht,
Wie ohne Anfang, so ohn' Ende!
Clarisse1 - 1. Jul, 09:09
Wer in der Liebe lebt, ist bey Vernunfft doch toll;
Wer in der Liebe lebt, ist nüchtern dennoch voll.Friedrich von Logau (1605 – 1655)
Clarisse1 - 17. Apr, 15:40
Die Hoffnung ist der Regenbogen über den herabstürzenden jähen Bach des Lebens.Friedrich Nietzsche (1844 – 1900)
Clarisse1 - 2. Apr, 11:55
von Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)
Ich habe mich hungrig gefühlt,
Doch fast nichts gegessen.
War alles lecker, das Bier so schön gekühlt –
Aber: Du hast nicht neben mir
Gegessen.
Verzeihe: Ich stellte mir vor,
Daß das ewig so bliebe,
Wenn du vor mir –
Ach was geht über Liebe?!!
Muß ich nun doch
Ein paar Tage noch
Fressen, ohne Lust; o das haß ich. –
Aber wenn du von der Reise
Heimkehrst, weiß ich, daß ich
Wieder richtig speise.
Clarisse1 - 24. Mrz, 17:07
von Theobald Tiger [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]
In stiller Nacht und monogamen Betten
denkst du dir aus, was dir am Leben fehlt.
Die Nerven knistern. Wenn wir das doch hätten,
was uns, weil es nicht da ist, leise quält.
Du präparierst dir im Gedankengange das,
was du willst – und nachher kriegst dus nie . . .
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
C'est la vie –!
Sie muß sich wie in einem Kugellager
in ihren Hüften biegen, groß und blond.
Ein Pfund zu wenig – und sie wäre mager,
wer je in diesen Haaren sich gesonnt . . .
Nachher erliegst du dem verfluchten Hange,
der Eile und der Phantasie.
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
Ssälawih –!
Man möchte eine helle Pfeife kaufen
und kauft die dunkle – andere sind nicht da.
Man möchte jeden Morgen dauerlaufen
und tut es nicht. Beinah . . . beinah . . .
Wir dachten unter kaiserlichem Zwange
an eine Republik . . . und nun ists die!
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
Ssälawih –!
Clarisse1 - 18. Mrz, 11:06