Aufgespießtes

Montag, 13. März 2017

Die Verwandlung

von Aloys Blumauer (1755 – 1798)

Nach dem Französischen.

Es wundert dich, daß ein so garstig Ding,
Als eine Raupe ist, zum schönsten Schmetterling
In wenig Wochen wird: – mich wundert's nicht;
Denn wiss', auch manche Schöne kriecht
Als Raupe Morgens aus dem Bette,
Und kömmt als Schmetterling von der Toilette.

Mittwoch, 8. März 2017

Aus aktuellem Anlass . . .


Anlässlich des Internationalen Frauentages wird – einmal wieder – allenthalben Kurt Tucholsky zitiert. Verkürzt und aus dem Zusammenhang gerissen steht dann da zu lesen: "Es gibt keinen Erfolg ohne Frauen." Wer wissen möchte, wie das Originalzitat im Zusammenhang lautet, möge weiterlesen:

Die brennende Lampe

von Kaspar Hauser [i.e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]

Wenn ein jüngerer Mann, etwa von dreiundzwanzig Jahren, an einer verlassenen Straßenecke am Boden liegt, stöhnend, weil er mit einem tödlichen Gas ringt, das eine Fliegerbombe in der Stadt verbreitet hat, er keucht, die Augen sind aus ihren Höhlen getreten, im Munde verspürt er einen widerwärtigen Geschmack, und in seinen Lungen sticht es, es ist, wie wenn er unter Wasser atmen sollte –: dann wird dieser junge Mensch mit einem verzweifelten Blick an den Häusern hinauf, zum Himmel empor, fragen:

"Warum –?"

Weil, junger Mann, zum Beispiel in einem Buchladen einmal eine sanfte grüne Lampe gebrannt hat. Sie bestrahlte, junger Mann, lauter Kriegsbücher, die man dort ausgestellt hatte; sie waren vom ersten Gehilfen fein um die sanft brennende Lampe herumdrapiert worden, und die Buchhandlung hatte für dieses ebenso geschmackvolle wie patriotische Schaufenster den ersten Preis bekommen.

Weil, junger Mann, deine Eltern und deine Großeltern auch nicht den leisesten Versuch gemacht haben, aus diesem Kriegsdreck und aus dem Nationalwahn herauszukommen. Sie hatten sich damit begnügt – bitte, stirb noch nicht, ich möchte dir das noch schnell erklären, zu helfen ist dir ohnehin nicht mehr – sie hatten sich damit begnügt, bestenfalls einen allgemeinen, gemäßigten Protest gegen den Krieg loszulassen; niemals aber gegen den, den ihr sogenanntes Vaterland geführt hat, grade führt, führen wird. Man hatte sie auf der Schule und in der Kirche, und, was noch wichtiger war, in den Kinos, auf den Universitäten und durch die Presse national vergiftet, so vergiftet, wie du heute liegst: hoffnungslos. Sie sahen nichts mehr. Sie glaubten ehrlich an diese stumpfsinnige Religion der Vaterländer, und sie wußten entweder gar nicht, wie ihr eignes Land aufrüstete: geheim oder offen, je nach den Umständen; oder aber sie wußten es, und dann fanden sies sehr schön. Sehr schön fanden sie das. Deswegen liegst du, junger Mann.

Was röchelst du da –? "Mutter?" – Ah, nicht doch. Deine Mutter war erst Weib und dann Mutter, und weil sie Weib war, liebte sie den Krieger und den Staatsmörder und die Fahnen und die Musik und den schlanken, ranken Leutnant. Schrei nicht so laut; das war so. Und weil sie ihn liebte, haßte sie alle die, die ihr die Freude an ihrer Lust verderben wollten. Und weil sie das liebte, und weil es keinen öffentlichen Erfolg ohne Frauen gibt, so beeilten sich die liberalen Zeitungsleute, die viel zu feige waren, auch nur ihren Portier zu ohrfeigen, so beeilten sie sich, sage ich dir, den Krieg zu lobpreisen, halb zu verteidigen und jenen den Mund und die Druckerschwärze zu verbieten, die den Krieg ein entehrendes Gemetzel nennen wollten; und weil deine Mutter den Krieg liebte, von dem sie nur die Fahnen kannte, so fand sich eine ganze Industrie, ihr gefällig zu sein, und viele Buchmacher waren auch dabei. Nein, nicht die von der Rennbahn; die von der Literatur. Und Verleger verlegten das. Und Buchhändler verkauften das.

Und einer hatte eben diese sanft brennende Lampe aufgebaut, sein Schaufenster war so hübsch dekoriert; da standen die Bücher, die das Lob des Tötens verkündeten, die Hymne des Mordes, die Psalmen der Gasgranaten. Deshalb, junger Mann.

Eh du die letzte Zuckung tust, junger Mann:

Man hat ja noch niemals versucht, den Krieg ernsthaft zu bekämpfen. Man hat ja noch niemals alle Schulen und alle Kirchen, alle Kinos und alle Zeitungen für die Propaganda des Krieges gesperrt. Man weiß also gar nicht, wie eine Generation aussähe, die in der Luft eines gesunden und kampfesfreudigen, aber kriegablehnenden Pazifismus aufgewachsen ist. Das weiß man nicht. Man kennt nur staatlich verhetzte Jugend. Du bist ihre Frucht; du bist einer von ihnen – so, wie dein fliegender Mörder einer von ihnen gewesen ist.

Darf ich deinen Kopf weicher betten? Oh, du bist schon tot. Ruhe in Frieden. Es ist der einzige, den sie dir gelassen haben.

Aus: Die Weltbühne vom 2.6.1931, S. 815f. (27. Jg., Nr. 22)

Montag, 18. April 2016

Wie wird man Satiriker?

Selbstbeobachtung genügt, um Satiriker zu werden.Emanuel Wertheimer (1846 – 1916)

Samstag, 10. Januar 2015

Satire hat eine Grenze . . .

Auch das ist von Kurt Tucholsky:

Schnipsel [1932]
Satire hat eine Grenze nach oben: Buddha entzieht sich ihr. Satire hat auch eine Grenze nach unten. In Deutschland etwa die herrschenden faschistischen Mächte. Es lohnt nicht – so tief kann man nicht schießen.Peter Panter [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]

Sonntag, 12. Januar 2014

"Gemischte Post" – anno dazumal . . .


Das Warenhaus
von Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Palmström kann nicht ohne Post
leben:
Sie ist seiner Tage Kost.

Täglich dreimal ist er ganz
Spannung.
Täglich ists der gleiche Tanz:

Selten hört er einen Brief
plumpen
in den Kasten breit und tief.

Düster schilt er auf den Mann,
welcher,
wie man weiß, nichts dafür kann.

Endlich kommt er drauf zurück,
auf das:
'Warenhaus für Kleines Glück'.

Und bestellt dort, frisch vom Rost
(quasi):
ein Quartal – 'Gemischte Post'!

Und nun kommt von früh bis spät
Post von
aller Art und Qualität.

Jedermann teilt sich ihm mit,
brieflich,
denkt an ihn auf Schritt und Tritt.

Palmström sieht sich in die Welt
plötzlich
überall hineingestellt . . .

Und ihm wird schon wirr und weh . . .
Doch es
ist ja nur das – 'W.K.G.'

Mittwoch, 1. Mai 2013

Arbeit - so oder so

Aus sittlichen Rücksichten fürchtet man den Besitzlosen noch andre Wohltaten zu verleihen, als die der Arbeit; die Reichen sind um die Moral der Armen sehr besorgt.Welcher Arbeit unterzieht sich der Mensch, um sich ein wenig Müßiggang zu verschaffen!Emanuel Wertheimer (1846 – 1916)

Samstag, 9. Februar 2013

Lästige Neugier der Menge

Die Großen affektieren ein Mißbehagen gegen die lästige Neugier der Menge, deren Abwesenheit sie empören würde.Emanuel Wertheimer (1846 – 1916)

Mittwoch, 7. November 2012

Wie wahr . . .

Selbstbeobachtung genügt, um Satiriker zu werden.Emanuel Wertheimer (1846 – 1916)

Montag, 8. Oktober 2012

Wie wahr . . .

Viele Redner reden, um zu reden; andere, um gut zu reden – alle aber, um von sich reden zu machen.Jean Antoine Petit-Senn (1792 – 1870)

Dienstag, 1. Mai 2012

Irrsinn

Der Irrsinn ist bei einzelnen etwas seltenes – aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.Friedrich Nietzsche (1844 – 1900)

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"Es gibt Worte, die nie gesagt werden dürfen, sonst sterben sie ..." – Kurt Tucholsky

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IN MEMORIAM


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HELMUT ZEH

† 1. Juli 2005

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