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Sehnsucht

Donnerstag, 13. August 2009

Der plötzliche Spaziergang

von Franz Kafka (1883 – 1924)

Wenn man sich am Abend endgültig entschlossen zu haben scheint, zu Hause zu bleiben, den Hausrock angezogen hat, nach dem Nachtmahl beim beleuchteten Tische sitzt und jene Arbeit oder jenes Spiel vorgenommen hat, nach dessen Beendigung man gewohnheitsgemäß schlafen geht, wenn draußen ein unfreundliches Wetter ist, welches das Zuhausebleiben selbstverständlich macht, wenn man jetzt auch schon so lange bei Tisch stillgehalten hat, daß das Weggehen allgemeines Erstaunen hervorrufen müßte, wenn nun auch schon das Treppenhaus dunkel und das Haustor gesperrt ist, und wenn man nun trotz alledem in einem plötzlichen Unbehagen aufsteht, den Rock wechselt, sofort straßenmäßig angezogen erscheint, weggehen zu müssen erklärt, es nach kurzem Abschied auch tut, je nach der Schnelligkeit, mit der man die Wohnungstür zuschlägt, mehr oder weniger Ärger zu hinterlassen glaubt, wenn man sich auf der Gasse wiederfindet, mit Gliedern, die diese schon unerwartete Freiheit, die man ihnen verschafft hat, mit besonderer Beweglichkeit beantworten, wenn man durch diesen einen Entschluß alle Entschlußfähigkeit in sich gesammelt fühlt, wenn man mit größerer als der gewöhnlichen Bedeutung erkennt, daß man ja mehr Kraft als Bedürfnis hat, die schnellste Veränderung leicht zu bewirken und zu ertragen, und wenn man so die langen Gassen hinläuft, – dann ist man für diesen Abend gänzlich aus seiner Familie ausgetreten, die ins Wesenlose abschwenkt, während man selbst, ganz fest, schwarz vor Umrissenheit, hinten die Schenkel schlagend, sich zu seiner wahren Gestalt erhebt. Verstärkt wird alles noch, wenn man zu dieser späten Abendzeit einen Freund aufsucht, um nachzusehen, wie es ihm geht.

Freitag, 26. Juni 2009

Ich und Du

von Bruno Wille (1860 – 1928)

Wir hielten uns umschlungen;
Nachtodem hauchte mild,
Der Junimond durchblaute
Gebüsch und Grasgefild.

Ich staunte in die Landschaft;
Die lag so fremd. Doch klang
Geheim aus Sternenmeeren
Ein heimatlicher Sang.

Ich staunte in dein liebes,
Mondbleiches Angesicht/
Auf deiner Augen Grunde
Erglomm ein fremdes Licht.

Und dich auch sah ich staunen;
Die Lippen zuckten stumm.
So weh war unsre Liebe/
Wir ahnten wohl, warum.

So weh/ ob Mund an Munde
Auch süßen Taumel trank;
So weh/ ob Aug in Auge
Auch liebetief versank.

Wir fühlten, Herz an Herzen,
Wie ewig dich und mich
Ein banger Abgrund scheidet/
Wir sind ja du und ich!

Wir schluchzten auf/ vor Heimweh!
Die Heimat liegt so weit,
Dort hinter Sternenmeeren,
Weit, in der Ewigkeit.

Dort in der Heimat findet
Dies bange Schmachten Ruh:
Es fließen ineinander/
O selig/ ich und du.

Freitag, 8. Mai 2009

Der Einsame

von Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Nein: ein Turm soll sein aus meinem Herzen
und ich selbst an seinen Rand gestellt:
wo sonst nichts mehr ist, noch einmal Schmerzen
und Unsäglichkeit, noch einmal Welt.

Noch ein Ding allein im Übergroßen,
welches dunkel wird und wieder licht,
noch ein letztes, sehnendes Gesicht
in das Nie-zu-Stillende verstoßen,

noch ein äußerstes Gesicht aus Stein,
willig seinen inneren Gewichten,
das die Weiten, die es still vernichten,
zwingen, immer seliger zu sein.

Donnerstag, 7. Mai 2009

Die Wolken

von Max Dauthendey (1867 – 1918)

Die Wolken, die sich wie im Schlaf hindehnenden,
Hinziehend über des Himmels Abgrund, den gähnenden,
Sie verleben ihre Tage im Schweben.

Wenn sie sich über die Äcker hinheben,
Sind sie wie Frauen, welche der Erde die Brüste geben,
Sind sie wie Betten, ausgebreitet dem Liebesgelüste;

Sind sie wie schreckende, düstere Schattengerüste,
Sind sie die Herde der Sehnenden
In der Sehnsucht blauer unendlicher Wüste.

Montag, 20. April 2009

Sehnsucht

von Felix Dörmann (1870 – 1928)

Ich sehne mich nach einer Traumgestalt,
Nach einem unberührten, keuschen Wesen,
Das noch im Buch der Sünde nicht gelesen,
Das Wollust nicht einmal im Geist umkrallt.

In ihrer Seele müßte Mitleid wohnen
Mit jedem Menschen und mit jedem Tier,
Am allermeisten aber doch mit mir,
In dem das Elend und die Marter thronen.

Und wie vom übervollen Weinpokal
Die goldnen Fluten achtlos niederschießen,
Müßt' ihre Himmelsreinheit mich umfließen
Und tilgen meiner Seele Sündenqual.

Mittwoch, 21. Januar 2009

Die Frau

von Peter Altenberg (1859 – 1919)

"Oh mein Freund, was für eine Frau wünschtest Du Dir denn eigentlich?!?"

"Eine, die meine Höhen 'mit Enthusiasmus' und meine Abgründe 'ohne Schaudern' miterlebte!"

Dienstag, 23. Dezember 2008

Ich kann freilich . . .

Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser wird, wenn es anders wird, aber soviel kann ich sagen, es muß anders werden, wenn es gut werden soll.Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799)

Mittwoch, 17. Dezember 2008

Lebensaufgabe

Jeder von uns hat etwas Unbehauenes, Unerlöstes in sich, daran unaufhörlich zu arbeiten seine heimlichste Lebensaufgabe bleibt.Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Dienstag, 19. August 2008

Die Wolken warten ohne Flucht

von Max Dauthendey (1867 – 1918)

Die Wolken warten ohne Flucht,
Der Wasserfall zischt aus der Schlucht.
Grasblüten zittern im Morgenhauch.
Gedanken, wie der blaue Rauch,
Sie eilen hin zum Meeresrand.

Der Sehnende lebt ohne Land,
Wie die Wolke im Leeren hängt,
Wie der Wasserfall eingezwängt.
Er bebt empfindlich wie zartes Gras.
Und wie der Meeresspiegel blaß,
Sucht ruhlos atmend er die Ruh'.
Sein Lächeln deckt Abgründe zu.

(Tosari, 23. März 1918)

Freitag, 13. Juni 2008

Aber öffne . . .

von Maria Luise Weissmann (1899 – 1929)

Aber öffne nur die Türe,
Aber tritt nur auf die Schwelle,
Hebe kaum den Blick und spüre
Schon die ungeheure Helle,
Schon den Glanz der leeren Räume,
Die wie Wiese rasch erblühten,
Schon den Tanz der schweren Träume,
Die sich hoben, die erglühten . . .
Zärtliche beschwingte Welle,
Sieh, kein Lufthauch, der nicht rühre – –
Aber tritt nur auf die Schwelle,
Aber öffne nur die Türe!

Herzlich willkommen!


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