Freitag, 14. November 2008

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Der Anstand m u ß Zuschauer haben.Emanuel Wertheimer (1846 – 1916)

Mittwoch, 12. November 2008

Der wahre Stil dieser Zeit

In mir empört sich die Sprache selbst, Trägerin des empörendsten Lebensinhalts, wider diesen selbst. Sie höhnt von selbst, kreischt und schüttelt sich vor Ekel. Leben und Sprache liegen einander in den Haaren, bis sie in Fransen gehen, und das Ende ist ein unartikuliertes Ineinander, der wahre Stil dieser Zeit.Karl Kraus (1874 – 1936)

Donnerstag, 6. November 2008

Letzte Verführung


Kuno Bärenbold: Letzte Verführung. Nachgelassene Texte herausgegeben von Matthias Kehle und Thomas Lindemann.

Letzte-Verfuehrung

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Mittwoch, 5. November 2008

Wonne sprachlicher Zeugung

Nur in der Wonne sprachlicher Zeugung wird aus dem Chaos eine Welt.Karl Kraus (1874 – 1936)

Dienstag, 4. November 2008

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Der Mittelmäßige schätzt an dem Genie nichts so sehr wie dessen Bescheidenheit.Emanuel Wertheimer (1846 – 1916)

Montag, 3. November 2008

Dummheit

Es ist ein Unglück, daß in der Welt mehr Dummheit ist, als die Schlechtigkeit braucht, und mehr Schlechtigkeit, als die Dummheit bewirkt.Karl Kraus (1874 – 1936)

Sonntag, 2. November 2008

Idealistische Geburt

Manche Menschen haben bloß männliche, andere bloß weibliche Gedanken. Daher gibt es so viele Köpfe, die unfähig sind, Ideen hervorzubringen, weil man die Gedanken beider Geschlechter vereint besitzen muß, wenn eine idealische Geburt zustande kommen soll.Ludwig Börne (1786 – 1837)

Samstag, 1. November 2008

Widersprüche der Liebe

von Aloys Blumauer (1755 – 1798)

Die Tyrannin, die so viele Sklaven
Zählt als Menschen auf der Erde sind,
Und mit ihren sieggewohnten Waffen
Alles zwingt, ist doch der Freiheit Kind.

Sie, an deren schwerem Siegeswagen
Wir nie anders als gebunden geh'n,
Der nur Zwang und Sklavendienst behagen,
Kann doch ohne Freiheit nicht besteh'n.

Sie, die mit dem Blick die Freiheit tödtet,
Stirbt doch selbst vom kleinsten Hauch der Pflicht,
Sie, die uns so fest zusammenkettet,
Duldet die geringste Fessel nicht.

Sie, die Widerstand nicht überwindet,
Die selbst Elternfluch nicht übermannt,
Flieht vor jedem Schein des Zwangs, und schwindet
Unter'm Segen einer Priesterhand.

Sie, die frei im ew'gen Lenze blühet,
Welket über Nacht im Ehhett' ab;
Sie, die nach Genusse lechzt und glühet,
Findet im Genusse selbst ihr Grab.

D'rum wozu soll sich der Mensch entschliessen?
Soll er ewig fruchtlos Sklave seyn?
Soll er lieben ohne zu geniessen?
Oder soll er ohne Liebe frey'n?

Freitag, 31. Oktober 2008

Es geht zu Ende

von Peter Altenberg (1859 – 1919)

Sonniger Herbsttag – – –. An sonnigen Stellen Wärme, Hitze – – an schattigen Stellen Keller-Kälte. Es duftet nach welken Blättern und frischer feuchter Erde. Auf den Uferwiesen stehen kurze dünne helliotropefarbige Striche, Colchicum autumnale.
Braune Libellen baden im Sonnenlichte – – –. Auf der weissen Strasse zwischen den dunkelbraunen Holzbirnbäumen, fährt der Herzog mit seinem Sohne in einer offenen Equipage. Ein Tigerfell liegt über ihre Füsse. Wie sie an dem kleinen sonnengebadeten Friedhofe vorbeikommen, ziehen sie tief die Hüte ab.
Der Diener am Bock macht das Kreuz.
Nur der fette Kutscher sitzt unbeweglich – – er ist im Amte. Er starrt auf die weisse sonnige Strasse mit den Herbstblättern – – –.
Im Garten einer Villa blühen rothe und gelbe Georginen.
Auf einer Bank, in der Herbstsonne, sitzt ein junges Mädchen.
Es träumt: "Wird man heuer die Ballkleider rund ausgeschnitten tragen?!"
Die Georginen werden in allen Farben gezogen – das sind die Harmonieen der Kultur.
Im herzoglichen Garten stehen sie in dicken Büschen, roth und gelb gesprenkelt, weiss und lila, rosa und rostroth, wie Bordeaux-Wein und Safran, wie Alpenglühen und Zimmtfarbe – – –.
Die Equipage fährt ein durch das schmiedeeiserne Gitterthor mit den goldenen Rosetten, der Diener springt vom Bock. Der alte Herzog und der junge Herzog steigen aus. Der Diener verbeugt sich tief.
Nur der fette Kutscher sitzt unbeweglich. Er starrt auf die weisse sonnige Allee mit ihren Herbstblättern – – –. Er ist im Amte.
Die hellen Birken zittern. In den Lüften schreien die Krähen "kraa – – kraa!"
Die Georginen stehen da in allen Farben, die hellen glänzen wie Butter, die dunklen sind matt wie Sammt.
Hochadel und Villenbesitzer! Ihr sitzt noch in den Gärten in der Herbstsonne und fahrt auf den Landstrassen in den Equipagen – – –! Ihr dürft noch die goldenen Lichter der letzten Herbsttage trinken, Ihr, die Georginen und die Krähen – – – kraa!

Donnerstag, 30. Oktober 2008

Herbstbacchanal

von Max Dauthendey (1867 – 1918)

Die stolze Fülle verstümmelt, gebrochen.
Die reiche Erde verknöchert, bestaubt.
Fäule kommt auf trägem Leib gekrochen
Und reckt voll Gier das graue Moderhaupt.
Doch trotzig sträuben sich die zähen Pulse,
Die Todesangst fliegt auf, taumelt, rafft
Aus dem zermorschten Siechen
Die letzte, ringende Kraft.

Zitternde Bläße schminkt sich
Mit stierem grinsenden Blut,
Mühsames Leben lodert
Leere, erheuchelte Glut.
Flammenjauchzen durchgellt
In grassem Echo die Welt,
Betäubende Feuer schäumen,
Farben tollen, bäumen
Schrille, kreischende Funken,
Lachen rast, wahnsinntrunken.

Doch unter all dem blinden Tosen,
Durch den verzweifelten Sturm,
Pocht an die flackernden Rosen –
Der Totenwurm.

Mittwoch, 29. Oktober 2008

"Journaille"

aus: Karl Kraus (1874 – 1936): Genua. – In: Brot und Lüge. Aufsätze 1919–1924.

Was das Wort "Journaille" betrifft, so habe ich wohl das Verdienst, es in Umlauf gebracht zu haben, aber es stammt nicht von mir, wie hierzulande immer gemeint wird, sondern, wie schon einmal festgestellt wurde, von Alfred Berger, der es aber entweder bei Rochefort gefunden oder seinen Prägungen nachgebildet hat; von einem Manne, der zwar genug eigenen Witz hatte, es zu bilden, aber nicht genug Festigkeit, es zu behaupten, und der jedenfalls einen so beweglichen Geist besaß, daß er ihn auch im Umgang mit der Journaille zur Geltung bringen konnte.

Dienstag, 28. Oktober 2008

Aufgespießt XXXIII

Religion, Moral und Patriotismus sind Gefühle, die sich erst dann bekunden, wenn sie verletzt werden. Der Sprachgebrauch, welcher sagt, daß einer, der leicht zu beleidigen ist, "gern" beleidigt ist, hat recht. Jene Gefühle lieben nichts so sehr wie ihre Kränkung, und sie leben ordentlich auf in der Beschwerde über den Gottlosen, den Sittenlosen, den Vaterlandslosen. Den Hut vor der Monstranz zu ziehen, ist bei weitem keine so große Genugtuung wie ihn jenen vom Kopf zu schlagen, die andersgläubig oder kurzsichtig sind.Karl Kraus (1874 – 1936)

Montag, 27. Oktober 2008

Sprachwand

Oft bin ich nah der Sprachwand und empfange nur noch ihr Echo. Oft stoße ich mit dem Kopf an die Sprachwand.Wenn ich nicht weiter komme, bin ich an die Sprachwand gestoßen. Dann ziehe ich mich mit blutigem Kopf zurück. Und möchte weiter.Karl Kraus (1874 – 1936)

Donnerstag, 23. Oktober 2008

Aphorismus VI

Der Aphorismus deckt sich nie mit der Wahrheit; er ist entweder eine halbe Wahrheit oder anderthalb.Karl Kraus (1874 – 1936)

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HELMUT ZEH

† 1. Juli 2005

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