Wollte dieser Schneesturm nimmer zu einem Ende kommen? Mächtiger und mächtiger sauste und brauste es und schüttete die weißen Lasten auf Forst und Dorf. Es knackte und knirschte das Gezweig, es krachten die Stämme [. . .].
Aus: Wilhelm Raabe (1831 – 1910): Else von der Tanne. In: Freya 5 (1865) 1.
Clarisse1 - 2. Feb, 17:50
von Peter Altenberg (1859 – 1919)
Mein Bruder sagt: "Melancholie ist Desorganisation. Deine Lebensmaschinerie (diesen Ausdruck hat er von mir, macht nichts, wenn er nur treffend ist, und das ist er, weiß Gott) zeigt dir ängstlich-besorgt an, daß irgend etwas irgendwo aus irgendwelcher unbekannten Ursache nicht ganz in Ordnung ist!"
Es kann doch aber Verzweiflung über irgend etwas ganz Positives sein, nicht!? Das ist ja eben schon eine Hinderung der Funktionen der Lebensmaschine, eine Anbahnung zum Beispiel künftiger Zuckerkrankheit oder anderer Stoffwechsellähmungen. Es gibt aber trotzdem dennoch auch grundlose Melancholien, physiologische Nirwanagefühle, "wozu bin ich eigentlich in dieser unvollkommenen vorläufig tragischen Welt"?! Diese Melancholien sind die historischen in deinem raschen Tagesleben, sie kommen von der Eltern oder Großeltern Ungnade her, sind dir mitgegeben scheinbar also grundlos! Das meiste Unrechte, Blödsinnige, Viertel- oder Halbirrsinnige aber, das man gegen seine Lebensmaschinerie unternimmt, hat den Grund, latente unbekannte Melancholien zu betäuben, zu bannen, auszuschalten, die meisten hoffen leider blödsinnig, sie dadurch zu heilen! Eine ewige Sehnsucht nach Vollkommenheiten ist latent in uns, und der Schmerz, sie nie zu erreichen, läßt uns die schauerlichsten kindischesten Blödsinne begehen, statt die Sehnsucht als Menschentum-Förderndes gelassen-ergeben tragisch auswirken zu lassen!
Clarisse1 - 31. Jan, 14:14
Ein Buch, das nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden, ist auch nicht wert, daß man es einmal liest.Karl Julius Weber (1767 – 1832)
Clarisse1 - 12. Jan, 21:24
Clarisse1 - 3. Jan, 13:46
von Luise Büchner (1821 – 1877)
Ich will nicht dein gedenken,
Sollst nicht mehr bei mir sein
In allem meinem Denken,
In meinem ganzen Sein.
Die Rose wird gepflücket
Vom Sturm, an einem Tag,
Den Felsen selbst zerstücket
Ein einz'ger Donnerschlag.
So will ich's auch erringen,
Dem Alles ist geweiht –
Schnell soll dies Herz erzwingen
Sich die Vergeßlichkeit!
Nicht, wie ja Alles müde
Zu Grabe endlich schwankt,
Nein, wie die Ros' verblühte,
Und wie der Felsen wankt.
So flieh mit einem Schlage
Du Leid, so herb gesinnt,
Dich tödt' an einem Tage,
Vernunft, der rauhe Wind!
Umsonst, umsonst ihr Mühen,
Es trotzt ihr jede Stund –
Nie wird des Herzens Glühen
Besiegt vom weisen Mund!
Clarisse1 - 2. Jan, 11:53
von Karl Henckell (1864 – 1929)
Was ich erwünsche vom neuen Jahre?
Daß ich die Wurzel der Kraft mir wahre,
Festzustehen im Grund der Erden,
Nicht zu lockern und morsch zu werden,
Mit den frisch ergrünenden Blättern
Wieder zu trotzen Wind und Wettern,
Mag es ächzen und mag es krachen,
Stark zu rauschen, ruhig zu lachen,
So in Regen wie Sonnenschein
Freunden ein Baum des Lebens zu sein.
Clarisse1 - 1. Jan, 11:14
von Ludwig Eichrodt (1827 – 1892)
Vorüber ist das alte Jahr,
Ich wünsche Glück zum neun!
Was euch das alte noch nicht war,
Soll euch das neue sein.
Ich greife zu dem vollen Glas,
Und trink es aus und sag,
Ich wünsche Jedem Alles was
Er selbst sich wünschen mag.
Ich wünsch euch Alles, was auch euch
Befriediget und reizt,
Und daß mit euern Wünschen sich
Der meinen keiner kreuzt!
So treten wir ins neue Jahr
Getrosten Muthes ein –
Und was im alten noch nicht war,
Erfülle sich im neun!
Clarisse1 - 1. Jan, 11:11
von Wilhelm Busch (1832 – 1908)
Will das Glück nach seinem Sinn
Dir was Gutes schenken,
Sage Dank und nimm es hin
Ohne viel Bedenken.
Jede Gabe sei begrüßt,
Doch vor allen Dingen:
Das, warum du dich bemühst,
Möge dir gelingen.
Clarisse1 - 1. Jan, 11:09
Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)
Daß bald das neue Jahr beginnt,
Spür ich nicht im geringsten.
Ich merke nur: Die Zeit verrinnt
Genau so wie zu Pfingsten,
Genau wie jährlich tausendmal.
Doch Volk will Griff und Daten.
Ich höre Rührung, Suff, Skandal,
Ich speise Hasenbraten.
Mit Cumberland, und vis-à-vis
Sitzt von den Krankenschwestern
Die sinnlichste. Ich kenne sie
Gut, wenn auch erst seit gestern.
Champagner drängt, lügt und spricht wahr.
Prosit, barmherzige Schwester!
Auf! In mein Bett! Und prost Neujahr!
Rasch! Prosit! Prost Silvester!
Die Zeit verrinnt. Die Spinne spinnt
In heimlichen Geweben.
Wenn heute nacht ein Jahr beginnt,
Beginnt ein neues Leben.
Clarisse1 - 31. Dez, 04:29
"[. . .] aber wir Katzen sind noch immer das freieste Geschlecht, weil wir uns bei all unsrer Geschicklichkeit so ungeschickt anzustellen wissen, daß der Mensch ganz aufgibt, uns zu erziehen."
"Hinze der Kater" in: Ludwig Tieck (1773 – 1853): Der gestiefelte Kater. In: Volksmärchen, hrsg. von Peter Leberecht [i.e. Ludwig Tieck]. Berlin 1797.
Clarisse1 - 30. Dez, 21:22
"Am 27. März 1819 waren meine Eltern in Ruppin eingetroffen, am 30. Dezember selbigen Jahres wurde ich daselbst geboren. Es war für meine Mutter auf Leben und Sterben, weshalb sie, wenn man ihr vorwarf, sie bevorzuge mich, einfach antwortete: 'Er ist mir auch am schwersten geworden.' In dieser bevorzugten Stellung blieb ich lange, bis nach achtzehn Jahren ein Spätling, meine jüngste Schwester, geboren wurde, bei der ich Pate war und sie sogar über die Taufe hielt. Das war eine große Ehre für mich, ging aber mit meiner Dethronisierung durch ebendiese Schwester Hand in Hand. Als jüngstes Kind rückte sie selbstverständlich sehr bald in die Lieblingsstellung ein."
Aus: Theodor Fontane (1819 – 1898): Meine Kinderjahre. Berlin 1894.
Clarisse1 - 30. Dez, 09:43
Ein Frauenzimmer frägt mehr, als hundert Männer beantworten können.Ludwig Börne (1786 – 1837)
Clarisse1 - 27. Dez, 14:56
von Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)
Ich hab' in den Weihnachtstagen –
Ich weiß auch, warum –
Mir selbst einen Christbaum geschlagen,
Der ist ganz verkrüppelt und krumm.
Ich bohrte ein Loch in die Diele
Und steckte ihn da hinein
Und stellte rings um ihn viele
Flaschen Burgunderwein.
Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
Zu sparen, ihn abends noch spät
Mit Löffeln, Gabeln und Trichter
Und anderem blanken Gerät.
Ich kochte zur heiligen Stunde
Mir Erbsensuppe mit Speck
Und gab meinem fröhlichen Hunde
Gulasch und litt seinen Dreck.
Und sang aus burgundernder Kehle
Das Pfannenflickerlied.
Und pries mit bewundernder Seele
Alles das, was ich mied.
Es glimmte petroleumbetrunken
Später der Lampendocht.
Ich saß in Gedanken versunken.
Da hat's an die Türe gepocht,
Und pochte wieder und wieder.
Es konnte das Christkind sein.
Und klang's nicht wie Weihnachtslieder?
Ich aber rief nicht: "Herein!"
Ich zog mich aus und ging leise
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott,
Und dankte auf krumme Weise
Lallend dem lieben Gott.
Clarisse1 - 24. Dez, 01:07
Die Schriftstellerei ist, je nachdem man sie treibt, eine Infamie, eine Ausschweifung, eine Tagelöhnerei, ein Handwerk, eine Kunst, eine Tugend.Friedrich von Schlegel (1772 – 1829)
Clarisse1 - 15. Dez, 08:56
Als Pythagoras seinen bekannten Lehrsatz entdeckte, brachte er den Göttern eine Hekatombe dar. Seitdem zittern die Ochsen, sooft eine neue Wahrheit an das Licht kommt.Ludwig Börne (1786 – 1837)
Clarisse1 - 6. Dez, 10:24
"[. . .] die Dezembersonne, die am Mittag so tief hereinhängt als die Juniussonne abends, breitet, wie angezündeter Spiritus, einen gelben Totenschein über die welken, bleichen Auen aus, und überall schlafen und ziehen, wie an einem Abende der Natur und des Jahrs, lange riesenhafte Schatten, gleichsam als nachgebliebene Trümmer und Aschenhaufen der ebenso langen Nächte."
Aus: Jean Paul: Blumen-, Frucht- und Dornenstücke. Berlin 1796/97.
"[. . .] und wie bleicher Messingglanz hat die Dezembersonne über die Heide hingeglinstert."
Aus: Theodor Storm: Zur Chronik von Grieshuus. Braunschweig 1884.
Clarisse1 - 3. Dez, 17:52
von Paul Heyse (1830 – 1914)
Noch eine Ros' am kahlen Strauch
Fand im Advent ich aufgeblüht,
Noch eines Liedes zarter Hauch
Klang mir verstohlen im Gemüt.
Der Rose Blätter taumeln hin,
Da ich sie kaum berührt, ins Beet,
Das Liedchen schwand mir aus dem Sinn –
Für Sommerkinder ist's zu spät!
Clarisse1 - 1. Dez, 12:49