Das große Publikum meint, es sei mit den Büchern wie mit den Eiern: sie müssen frisch genossen werden; daher greift es stets nach dem Neuen.Arthur Schopenhauer (1788 – 1860)
Clarisse1 - 26. Aug, 15:19
von Wilhelm Busch (1832 – 1908)
Wer andern gar zu wenig traut,
Hat Angst an allen Ecken;
Wer gar zu viel auf andre baut,
Erwacht mit Schrecken.
Es trennt sie nur ein leichter Zaun,
Die beiden Sorgengründer;
Zu wenig und zu viel Vertraun
Sind Nachbarskinder.
Clarisse1 - 22. Aug, 11:28
(Unterfranken: Sommerach, B.-A. Gerolzhofen.)
Eine Maus, eine Wurst und ein Frosch hielten zusammen Haus. Die Wurst kochte täglich die Suppe, der Frosch sammelte im Walde Holz und die Maus sorgte für Brot. Einst fragte der Frosch die Wurst, wie sie so gute Suppe kochen könne. Die Wurst sagte: "Wenn das Wasser anfängt zu kochen, so steige ich hinein und davon wird die Suppe so fett." Am folgenden Tage wollte der Frosch die Suppe kochen. Die Wurst ging in den Wald und das Mäuschen nahm sein Säckchen und ging in ein Hochzeitshaus, um Brotkrümchen zu sammeln. Als das Wasser anfing zu kochen, stieg der Frosch in den Hafen und kam darin jämmerlich um. Als die Wurst vom Walde zurückkam, fand sie den Frosch tot im Hafen liegen. Sie setzte sich unter die Haustür und weinte bitterlich. Da ging ein schwarz gekleideter Mann vorüber, den rief sie an: "Sage zum Mäuschen, es soll heim, der Frosch sei in der Suppe umgekommen." Der Mann blickte sich um, sah aber niemand. Als er ins Hochzeitshaus kam, erzählte er, was er gehört hatte. Das Mäuschen saß gerade unterm Tisch. Es ließ sein Säckchen liegen und eilte heim. Inzwischen hatte ein Metzgershund die weinende Wurst gefressen. Das Mäuschen fand nun den Frosch tot im Hafen liegen, suchte aber die Wurst vergebens. Da bekam es Hunger und wollte sein Säckchen im Hochzeitshaus holen. Doch wie es zur Tür hinein wollte, kam eine Katze und fraß es auf.
Aufgeschrieben durch Schulseminarist Erhard in Würzburg, beheimatet zu Sommerach, im Auftrage des verstorbenen Seminarlehrers Th. Strohmenger. Dem Verein übergeben 1894. (Urschrift.)
Aus: Karl Spiegel (1863–1920): Märchen. Märchen aus Bayern. Würzburg: Selbstverlag des Vereins für bayerische Volkskunde und Mundartforschung 1914.
Clarisse1 - 21. Aug, 14:21
von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 – 1874)





Der Laubfrosch, der Laubfrosch
In seinem grünen Rock,
Er sitzt im Schutz der Blätter
Und kündet andres Wetter
Herab vom Rosenstock.
O Laubfrosch, o Laubfrosch,
Gleich fangen wir dich ein,
Um dich ins Glas zu setzen,
Da kannst du weiter schwätzen
Und Wetter prophezein! –
Der Laubfrosch, der Laubfrosch
Bekommt ein gläsern Haus
Und eine hübsche Leiter,
Was will er da noch weiter?
Und Fliegen sind sein Schmaus.
Der Laubfrosch, der Laubfrosch,
Was soll ihm Haus und Schmaus!
Er fühlt sich doch nicht heiter,
Sitzt still auf seiner Leiter
Und möchte gern hinaus.
O Laubfrosch, o Laubfrosch!
Bald kehrest du zurück:
Der Frühling soll dir geben.
Dein freies frohes Leben,
Denn Freiheit nur ist Glück.
Clarisse1 - 20. Aug, 09:50
von Johann Peter Hebel (1760 – 1826)
Man spricht auch von einem Froschregen. Aber das wird noch niemand gesehen haben, daß es Frösche aus der Luft herab regnete. Die Sache verhält sich ganz kurz so: Im Sommer bei anhaltend trockner Hitze zieht sich eine Art von Landfröschen in benachbarte Wälder und Buschwerke zurück, weil sie dort einen kühlern und feuchtern Aufenthalt haben, und verhalten sich ganz stille und verborgen, so daß sie niemand bemerkt.


















Wenn nun ein sanfter Regen fällt, so kommen sie in zahlreicher Menge wieder hervor, und erquicken sich in dem nassen, kühlen Gras. Wer alsdann in einer solchen Gegend ist und auf einmal so viele Fröschlein sieht, wo doch kurz vorher kein einziges zu sehen war, der kann sich nicht vorstellen, wo auf einmal so viele Frösche herkommen; und da bilden sich einfältige Leute ein, es habe Frösche geregnet. Denn aus lieber Trägheit läßt man eher die unvernünftigsten Dinge gelten, als man sich die Mühe gibt, über die vernünftigen Ursachen dessen nachzudenken oder zu fragen, was man nicht begreifen kann.
Clarisse1 - 19. Aug, 09:47
Es gibt doch nur eine wirkliche Gehirnkrankheit: Ehrgeiz. Du bist da, wie lange, und dann bist Du nicht mehr da, ewig. Und währenddessen bist Du ehrgeizig?! Beschäftige Dich mit der Restlosigkeit Deines Schlafens, mit Deinen unentrinnbaren Verdauungskräften, mit Wiesen, Wäldern, Seen, Bächen. Aber lasse jeglichen Ehrgeiz. Der, der dich beneidet, ist Deine Bemühung nicht wert. Und: Wer beneidet Dich?! Jeder sucht Dir zu beweisen, daß Du Dich auf einem falschen Wege befindest. Niemand würde mit Dir tauschen. Ehrgeiz ist ein Irrsinn, eine schwere Gehirnkrankheit: Du bist da, wie lange, wie kurz, und Du bist nicht mehr da, ewig. Und währenddessen soll Dich Herr – um irgend Etwas beneiden?! Ave Diogenes!Peter Altenberg (1859 – 1919)
Clarisse1 - 17. Aug, 11:01
von Franz Kafka (1883 – 1924)
Aus einem elenden Zustand sich zu erheben, muß selbst mit gewollter Energie leicht sein. Ich reiße mich vom Sessel los, umlaufe den Tisch, mache Kopf und Hals beweglich, bringe Feuer in die Augen, spanne die Muskeln um sie herum. Arbeite jedem Gefühl entgegen, begrüße A. stürmisch, wenn er jetzt kommen wird, dulde B. freundlich in meinem Zimmer, ziehe bei C. alles, was gesagt wird, trotz Schmerz und Mühe mit langen Zügen in mich hinein.
Aber selbst wenn es so geht, wird mit jedem Fehler, der nicht ausbleiben kann, das Ganze, das Leichte und das Schwere, stocken, und ich werde mich im Kreise zurückdrehen müssen.
Deshalb bleibt doch der beste Rat, alles hinzunehmen, als schwere Masse sich verhalten, und fühle man sich selbst fortgeblasen, keinen unnötigen Schritt sich ablocken lassen, den anderen mit Tierblick anschaun, keine Reue fühlen, kurz, das, was vom Leben als Gespenst noch übrig ist, mit eigener Hand niederdrücken, das heißt, die letzte grabmäßige Ruhe noch vermehren und nichts außer ihr mehr bestehen lassen.
Eine charakteristische Bewegung eines solchen Zustandes ist das Hinfahren des kleinen Fingers über die Augenbrauen.
Clarisse1 - 14. Aug, 08:29
von Franz Kafka (1883 – 1924)
Wenn man sich am Abend endgültig entschlossen zu haben scheint, zu Hause zu bleiben, den Hausrock angezogen hat, nach dem Nachtmahl beim beleuchteten Tische sitzt und jene Arbeit oder jenes Spiel vorgenommen hat, nach dessen Beendigung man gewohnheitsgemäß schlafen geht, wenn draußen ein unfreundliches Wetter ist, welches das Zuhausebleiben selbstverständlich macht, wenn man jetzt auch schon so lange bei Tisch stillgehalten hat, daß das Weggehen allgemeines Erstaunen hervorrufen müßte, wenn nun auch schon das Treppenhaus dunkel und das Haustor gesperrt ist, und wenn man nun trotz alledem in einem plötzlichen Unbehagen aufsteht, den Rock wechselt, sofort straßenmäßig angezogen erscheint, weggehen zu müssen erklärt, es nach kurzem Abschied auch tut, je nach der Schnelligkeit, mit der man die Wohnungstür zuschlägt, mehr oder weniger Ärger zu hinterlassen glaubt, wenn man sich auf der Gasse wiederfindet, mit Gliedern, die diese schon unerwartete Freiheit, die man ihnen verschafft hat, mit besonderer Beweglichkeit beantworten, wenn man durch diesen einen Entschluß alle Entschlußfähigkeit in sich gesammelt fühlt, wenn man mit größerer als der gewöhnlichen Bedeutung erkennt, daß man ja mehr Kraft als Bedürfnis hat, die schnellste Veränderung leicht zu bewirken und zu ertragen, und wenn man so die langen Gassen hinläuft, – dann ist man für diesen Abend gänzlich aus seiner Familie ausgetreten, die ins Wesenlose abschwenkt, während man selbst, ganz fest, schwarz vor Umrissenheit, hinten die Schenkel schlagend, sich zu seiner wahren Gestalt erhebt. Verstärkt wird alles noch, wenn man zu dieser späten Abendzeit einen Freund aufsucht, um nachzusehen, wie es ihm geht.
Clarisse1 - 13. Aug, 15:24
Man soll auf Reisen gehen, um die Menschen kennen zu lernen? Die andern lernt man zu Hause besser kennen, aber in der Fremde sich selbst. (Paris am 14t Mai 1836)Franz Grillparzer (1791 – 1872)
Clarisse1 - 12. Aug, 11:24
Die Kellner
von Peter Altenberg (1859 – 1919)
Mein Vater kam zehn Jahre lang nach einer Geschäftsreise nicht mehr nach seinem geliebten Paris. Als er endlich wieder hinkam, sagte der Kellner bei "Brébant": "Mein Herr, wir haben Sie seit langem erwartet. Wir werden Ihnen Ihr Lieblingsdiner servieren lassen, falls es Ihnen recht ist, und Sie Ihren Geschmack nicht geändert haben – – –".
Und es kam das Lieblingsdiner, das man sich zehn Jahre lang gemerkt hatte.
Bei uns ist es anders. Wenn ein Gast zehn Jahre lang Rostbraten mit Zwiebeln haßt und er sanftmütig sagt: "Heute möchte ich etwas essen, was mir besonders schmeckt", so erwidert der Kellner: "Vielleicht ein schönes Rostbraterl mit Zwiefel – – ".
Aufmerksamkeit ist die Quelle von Trinkgeldern! Aber das wollen sie bei uns nicht einsehen. Sie sind nicht "kultiviert" genug, um ein gegenseitiges Geschäft mit dem Gaste zu machen, bei welchem beide Teile ihren Nutzen ziehen! Der Gast ist ihnen "gleichgültig". Das spürt dieser. Daher eine Beziehung, die gleichsam sogar feindselig ist.
In Paris gibt es ebensowenig Idealisten und Schwärmer unter den Kellnern wie in anderen Städten. Sie haben die Sucht nach erhöhtem Trinkgelde, selbstverständlich. Aber sie sind eben hierin geschicktere Menschenkenner. Sie wissen es, daß man etwas dazu tun muß. Einem Gaste auf ehrliche Weise seine Taschen öffnen, ist alles! Das ist die Kellnerkunst! Außerdem sollte man den Ehrgeiz haben, in seiner Betätigung, und sei sie noch so unscheinbar, das Besondere zu leisten. Das erhöht das Lebensgefühl, steigert die Lebensenergien, kommt also dem zugute, der es ausübt. Auch das ist das beste Geschäft, das man mit den anderen machen kann! Bediene verdrossen, mürrisch, gleichgültig – – – und es wird dich schwächen, lähmen! Bediene den Gast liebenswürdig, aufmerksam, bedacht auf alles – – – und es wird dich verjüngen, dich lebendig machen und frohsinnig! Menschenfreundlichkeit ist das beste Geschäft, das man machen kann mit seinen Nebenmenschen. Aber es muß einem "organisch" sein, kein Zwang.
"Mein Herr, ich werde Ihnen heute eine 'souppe à la moelle' bringen, ich habe nämlich das herrliche Markbein dazu bereits gesehen – – –".
Oder: "Die schönsten 'Sole' sind bereits verkauft, nehmen Sie daher heute lieber 'Branzino'; weshalb sollten Sie sich mit den kleineren Soles begnügen?!?" Man erwartet von einem regelmäßig bedienenden Kellner die zarten Aufmerksamkeiten einer Mama für ihr Baby. Aber meistens ist er ein unwilliger Pflichterfüller. Aber auch der Gast ist kein Lebenskünstler, falls er nicht "besondere Leistungen der Menschheit" besonders honoriert! Er denkt roh und unmenschlich: "Dafür ist er doch eben angestellt – – –". Da geschieht es ihm recht, wenn er vor Ärger einen Magenkatarrh kriegt! Niemand ist angestellt hienieden für "zärtliche Behandlung"! Dafür gehören Extrahonorare!
Clarisse1 - 11. Aug, 11:26
Mit wenigen Worten viel sagen heißt nicht, erst einen Aufsatz machen, und dann die Perioden abkürzen; sondern vielmehr, die Sache erst überdenken, und aus dem Überdachten das Beste so sagen, daß der vernünftige Leser wohl merkt, was man weggelassen hat. Eigentlich heißt es, mit den wenigsten Worten zu erkennen geben, daß man viel gedacht habe.Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799)
Clarisse1 - 4. Aug, 14:12
Lese das Buch, langweilig, schlafe drüber ein, im Schlafe träume ich weiterzulesen, erwache vor Langeweile, und das dreimal –Heinrich Heine (1797 – 1856)
Clarisse1 - 31. Jul, 12:29
Ein Original ist heute, wer zuerst gestohlen hat.Ein Plagiator sollte den Autor hundertmal abschreiben müssen.Als ich las, wie ein Nachahmer das Original pries, war es mir, als ob eine Qualle ans Land gekommen wäre, um sich über den Aufenthalt im Ozean günstig zu äußern.Karl Kraus (1874 – 1936)
Clarisse1 - 29. Jul, 10:28
von Gustav Falke (1853 – 1916)
Blütenschwere Tage
In Düften und Gluten rings,
Mein Herz tanzt wie auf Flügeln
Eines trunkenen Schmetterlings.
Die Rosen über den Mauern,
Der Birnbaum darüber her,
Alles so reich und schwer
In sehnenden Sommerschauern.
Das juligelbe Land
Mit dem träumenden Wälderschweigen
Fern am duftigen Rand,
Darüber die Wolken steigen –
O, wie sag ich nur,
Was alles mein Wünschen ins Weite führt!
Mich hat des Glücks eine leuchtende Spur
Mit zitternder Schwinge berührt.
Clarisse1 - 28. Jul, 21:15