Eine Person anderen Geschlechts schneide dem oder der Unfruchtbaren von allen Haaren des Körpers und von den Nägeln an Händen und Füßen kleine Theile ab, thue sie in ein neues leinenes Läppchen, bohre ein Loch in einen Fliederbaum (Sambucus), stecke das Läppchen dahinein und verkeile dann das Loch mit einem Pfropfen von grünem Hagedorn (Crataegus). Dies Alles geschehe stillschweigend, drei Tage vor Neumond.
Aus: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg. Gebräuche und Aberglauben, gesammelt von Karl Bartsch (1832 – 1888)
Clarisse1 - 25. Jul, 14:26
Wo gibt es noch einmal zwei Dinge so entgegengesetzt und doch so nahe verwandt, so unähnlich und doch so kaum voneinander zu unterscheiden wie Bescheidenheit und Stolz?Marie von Ebner-Eschenbach (1830 – 1916)
Clarisse1 - 22. Jul, 05:56
Nicht jene, die streiten, sind zu fürchten, sondern jene, die ausweichen.Marie von Ebner-Eschenbach (1830 – 1916)
Clarisse1 - 20. Jul, 06:38
Der Hass ist ein fruchtbares, der Neid ein steriles Laster.Marie von Ebner-Eschenbach (1830 – 1916)
Clarisse1 - 18. Jul, 17:35
von Christian Morgenstern (1871 – 1914)
Zwei Tannenwurzeln groß und alt
unterhalten sich im Wald.
Was droben in den Wipfeln rauscht,
das wird hier unten ausgetauscht.
Ein altes Eichhorn sitzt dabei
und strickt wohl Strümpfe für die zwei.
Die eine sagt: knig. Die andre sagt: knag.
Das ist genug für einen Tag.
Clarisse1 - 15. Jul, 08:58
Er lobt sich so stark, daß die Räucherkerzchen im Preise steigen.Heinrich Heine (1797 – 1856)
Clarisse1 - 7. Jul, 13:29
von Ludwig Börne (1786 – 1837)
Wie schade, daß die heißen Tage vorüber sind, vielleicht hätte meine kleine Beschreibung von dem hiesigen künstlichen Winter der Einbildungskraft der deutschen Leser einige Kühlung gegeben, das ihnen erwünscht gewesen wäre. Denn wie man mir aus Deutschland geschrieben, hat es dort diesen Sommer sehr an Eis und Kälte gemangelt. In welchen Zeiten leben wir, was erlebt man nicht alles! Aber den Engländern ist es nicht besser gegangen; auch sie hatten Mangel an Eis. Zwar hatten sie Schiffsladungen davon aus Schottland herbeigeholt; während sie sich aber in den Häfen mit den Zöllnern herumgestritten, ob diese Ware zu verzollen sei oder nicht, war der Gegenstand des Rechtsstreites zu Wasser geworden – ein Umstand, der bei Prozessen nicht selten eintritt. Noch größeres Mißgeschick hatten andere britische Handelsleute erfahren, welche Schiffe auf den Eisfang nach Island ausgeschickt. Zwei der Schiffe gingen mit Mannschaft und Ladung zugrunde. Diese Gefahren hatte der deutsche antipiratische Verein wahrscheinlich vorher berechnet, sonst hätte er sicher bei dem ihm eigenen Unternehmungsgeiste seine, durch den Schrecken der Raubstaaten müßig gewordenen Flotten benützt, dem deutschen Bunde heilsame Abkühlung zu verschaffen! ... Aber ich bin von meinem Wege abgekommen. In Paris hat man Eis in Überfluß, von wo man es herbekommt, mag der Himmel wissen. Das beste Gefrorne findet man bei Tortoni auf dem Boulevard des Italiens. Man hat dort jeden Abend die süße Not, zwischen dreizehn Sorten zu wählen. Ich will sie nennen: Vanille, pistache, café blanc, fraise, groseille, framboise, citron, pèche, ananas, raisin, melon, pain d'Espagne, biscuit glacé à la fraise. Worin besteht das Wesen eines biscuit glacé? Ich habe es nicht herausgebracht, es ist eine Zuckerbäckerscharade. Ein Chemiker müßte ich sein, es nach seinen Bestandteilen, ein Dichter, es würdig, ein Stoiker, es mit Gleichmut zu beschreiben. Anfänglich dachte ich: das wird wohl wieder eine französische Windbeutelei, dieser sogenannte Biscuit glacé wird nichts als gewöhnliches Eis nur mit der Form und Farbe eines Biscuit sein! Ich genoß und schämte mich meiner Übereilung. Es war wirklich Biskuit, aber ein durchfrorner. So mag Ambrosia munden. Aber Ambrosia ist auch nur ein Wort – man komme und schmecke. Was kann ich von genannter Eisart Rühmlicheres erzählen als folgendes? Ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, daß eine wunderschöne junge Frau, die eifrig davon gegessen und ihr Glas schneller ausgeleert als ihr väterlicher Gatte das seinige, in dieses mit ihrem Löffel lächelnd Eingriffe getan, so daß der des Entzückens ungewohnte Ehemann sich triumphierend herumgesehen und allen anwesenden jungen Leuten zu verstehen gegeben, sie sollten daraus entnehmen, wie wenig für sie zu hoffen sei – so sehr liebte die junge Frau gefrornen Biskuit. – Diejenigen meiner Leserinnen, die je in Paris und währenddem schön oder jung oder reich gewesen (dem Reichtum verkauft man, der Schönheit bringt man, die Jugend nimmt sich dort alles), die lächelten gewiß voll seliger Erinnerung, da ich von Tortoni und den Boulevards des Italiens gesprochen. In schönen Sommernächten da sitzen ... säuselnde Bäume ... umgaukelnde Bewunderer ... von tausend Lichtern zauberisch umflossen ... eine herrliche Zither tönt herüber ... drollige Savoyarden mit ihren tanzenden Affen betteln um ein Lächeln und einen Kupferpfennig ... und dabei den süßen Schnee herabzuschlürfen, wie das köstlich ist! Ach, es denkt keiner daran, wie teuer sich oft die Natur ihre Schmeicheleien der menschlichen Lüsternheit bezahlen läßt!
Clarisse1 - 7. Jul, 12:06
Weil ich deinen Kuß noch fühle
von Max Dauthendey (1867 – 1918)
Schwüle geht im Herzen um,
Weil ich deinen Kuß noch fühle.
Geh' ums Leben heut herum,
Möcht' kein Wörtlein von mir geben,
Nur das Herz möcht' mir entschweben,
Lippen blieben gerne stumm.
Tragen von der Liebesstund
Noch die süße Blüte und
Alle Glieder sagen warm:
Arm macht niemand je mich wieder.
Clarisse1 - 6. Jul, 10:19
von Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)
Auf einmal ist aus allem Grün im Park
man weiß nicht was, ein Etwas, fortgenommen;
man fühlt ihn näher an die Fenster kommen
und schweigsam sein. Inständig nur und stark
ertönt aus dem Gehölz der Regenpfeifer,
man denkt an einen Hieronymus:
so sehr steigt irgend Einsamkeit und Eifer
aus dieser einen Stimme, die der Guß
erhören wird. Des Saales Wände sind
mit ihren Bildern von uns fortgetreten,
als dürften sie nicht hören was wir sagen.
Es spiegeln die verblichenen Tapeten
das ungewisse Licht von Nachmittagen,
in denen man sich fürchtete als Kind.
Clarisse1 - 6. Jul, 10:14
von Otto Julius Bierbaum (1865 – 1910)
(An Frau Gutheil-Schoder in Verehrung und Dankbarkeit.)
A
Arbeitstag,
Pendelschlag,
Ackermühe, Ackerglück,
Furche hin, Furche zurück:
Wer das versteht,
Hat sich Frieden gesät.
B
Baumeister sei, wer du auch bist;
Der Bauherr Gott gab dirs Gerüst
Und was zum Baue nötig ist.
In dir und um dich liegts bereit.
Hast etwa vierzig Jahre Zeit:
Nun baue dich empor:
Schiff und Umgang, Turm und Thor.
Ich hoffe, du bist nicht so gemein,
Willst mehr als Stall und Scheune sein.
C
Cicero, ein Biedermann,
Catilinan gar nicht leiden kann;
Cäsar sieht sich beide an
Und denkt: die kamen wie gerufen:
Ich will steigen, da sind die Stufen.
D
Damen hab ich viel gesehn,
Schöne und gescheidte,
Nach Frauen mußt ich auf die Suche gehn,
Und oft ins Weite.
E
Ernstlich, ehrlich, ehrerbietig, eigen:
Wer die vier E ins Schild sich setzen kann
Und sie in Wort und Thaten zeigen:
Der ist ein Mann.
F
Feigheit und Neid, das schlimmste Paar,
Vom Teufel eingesegnet:
Laß sie nicht ein,
Bleib ihrer rein,
Und was dir auch begegnet!
G
Glück suchst du, das von außen kommt?
Das ist ein Glückwunsch, der nie frommt.
In dir liegt Gold! Leg nur die Ader bloß!
Sei auch die Ader klein, des Findens Glück ist groß.
H
Hurra rufen, ist das Tapferkeit?
Ist der der kühnste, der am lautsten schreit?
Wer fest die Zähne aufeinanderbeißt
Und drum nicht schreien kann,
Das ist der Mann,
Der Feindesfahnen sicher an sich reißt.
I
Irdisches Jammerthal, – jämmerlich Wort!
Die es hier rufen,
Jammern sicher auch einmal dort
An des Ewigen Stufen.
J
Jubilate heißt jeder Tag,
Auf dem der Arbeit Segen lag.
K
Kosten und Küssen
Muß man nie müssen.
L
Lust, Liebe, Leid, – drei Ehe-L,
Folgen einander und wechseln schnell;
Wird aber kein L durchs andre gestört.
Wos Ehepaar recht zusammengehört,
Da findet sich auch als Ringgeschmeid
Das allerköstlichste: Lauterkeit.
M
Marschieren und lustig sein, das laß ich gelten,
Doch darf kein Feldwebel fluchen und schelten.
Das Allervergnüglichste wird Verdruß,
Steht auf der Fahne das grämliche Muß.
N
Niedertracht, Neid, Nörgelei
Bilden gerne Kumpanei,
Immer sind zusammen die Drei.
Laß sie, Freund, geh still vorbei,
Lach dir eins und laß sie lästern,
Diese dürren Kaffeeschwestern.
O
Oberflächlichkeiten
Sind geschickt, zu gleiten,
Wissen ihren Weg gar schnell zu gehn.
Denn sie lassen sich treiben.
Doch auf Pfützen bleiben
Breit sie und mit vieler Würde stehn.
P
Pietist
Reimt sich auf Christ, –
Was doch die Sprache oft scherzhaft ist.
Q
Quappen und Quallen
Mag Schlamm gefallen;
Wir von den Hellen
Gehn zu den Quellen.
R
Redlich und reinlich:
Darin sei peinlich!
S
Sorgen, das sind schlimme Gäste,
Kleben zähe, sitzen feste.
Mußt ihnen nur hurtig den Rücken drehn;
Wenn sie dich bei der Arbeit sehn,
Bleibt ihnen nichts übrig, als weiter zu gehn.
T
Teufel bannen, heißt thätig sein;
Herr Urian kehrt bei Frau Schlafhaube ein.
U
Undank ernten, das läßt sich tragen;
Wens ankommt, je nach Dank zu fragen,
Kann keiner vom Herrengeschlechte sein;
Aber Undank üben, macht pöbelgemein.
V
Versuch dein Glück! So rufen die Lotterien.
Zieh, doch bedenk: Du kannst auch Nieten ziehn.
Viel sicherer geht, wer, statt zu spielen, schafft.
Drum folg dem Ruf: Versuche deine Kraft!
W
Wirbelwinde, Wirbelköpfe
Zerschmettern Schiffe, zerbrechen Töpfe.
Klar und gradaus der Wind, der Kopf:
Im Hafen das Schiff, voll Speise der Topf.
X
X wird nie U, und machts dir einer vor,
Nimm ihn gelassen nur beim Ohr
Und setz ihn säuberlich vors Thor.
Y
Ypsilon ist gar so selten,
Schwer will sich ein Vers drauf melden.
So giebts im Leben auch leere Stunden,
Auf die ein Reim schwer wird gefunden.
Fällt uns nur sonst was Rechtes ein.
Eine Lücke wird immer verziehen sein.
Z
Zier dich nicht und sperr dich nicht,
Bürger dieser Erde.
Dazu ist das Mahl gericht,
Daß gegessen werde.
Clarisse1 - 4. Jul, 10:54
Faulheit und Unfähigkeit ärgern sich über Fleiß und Talent, weil letztere einen lebendigen Vorwurf bilden, der überall den Neid steckbrieflich verfolgt.Karl Bleibtreu (1859 – 1928)
Clarisse1 - 4. Jul, 10:37
von Bruno Wille (1860 – 1928)
Vorbei! Die Stunden wandern;
Ins Schattenreich entschwebt
Der eine Tag zum andern . . .
O Herz, heißt das gelebt?
Noch blüht ihr, letzte Rosen,
Vom Abendstrahl umloht;
Mit kalter Hand zu kosen,
Kommt diese Nacht der Tod.
Der Garten wird verschneien . . .
Dann fragt ein Seufzen schwer:
Warum nur blieb im Maien
Dies Herz von Liebe leer?
Mein Leben geb ich gerne
Um Kuß und zärtlich Wort.
Und bleibt die Liebe ferne,
Ich werf es achtlos fort.
Mag Stund auf Stunde rinnen;
Was kümmert mich die Zeit!
Ein Augenblick voll Minnen
Wiegt eine Ewigkeit.
Clarisse1 - 2. Jul, 13:09
von Justinus Kerner (1786 – 1862)
An Sie.
Wann du geboren, weiß ich nicht,
Will's wissen nicht, wenn ich's auch fände,
Sei mir ein Kreis, ein ew'ges Licht,
Wie ohne Anfang, so ohn' Ende!
Clarisse1 - 1. Jul, 09:09
[...] Die Schwüle war lähmend, die Luft stand völlig still, über der Gegend lag ein Flimmern wie ein trübglänzender Schleier, und die Hitze erschwerte das Atmen.
Aus: Henry von Heiseler (1875 – 1928): Der Begleiter. München: Musarion 1919
Clarisse1 - 30. Jun, 12:41
von Bruno Wille (1860 – 1928)
Wir hielten uns umschlungen;
Nachtodem hauchte mild,
Der Junimond durchblaute
Gebüsch und Grasgefild.
Ich staunte in die Landschaft;
Die lag so fremd. Doch klang
Geheim aus Sternenmeeren
Ein heimatlicher Sang.
Ich staunte in dein liebes,
Mondbleiches Angesicht/
Auf deiner Augen Grunde
Erglomm ein fremdes Licht.
Und dich auch sah ich staunen;
Die Lippen zuckten stumm.
So weh war unsre Liebe/
Wir ahnten wohl, warum.
So weh/ ob Mund an Munde
Auch süßen Taumel trank;
So weh/ ob Aug in Auge
Auch liebetief versank.
Wir fühlten, Herz an Herzen,
Wie ewig dich und mich
Ein banger Abgrund scheidet/
Wir sind ja du und ich!
Wir schluchzten auf/ vor Heimweh!
Die Heimat liegt so weit,
Dort hinter Sternenmeeren,
Weit, in der Ewigkeit.
Dort in der Heimat findet
Dies bange Schmachten Ruh:
Es fließen ineinander/
O selig/ ich und du.
Clarisse1 - 26. Jun, 14:03
Kinder lassen den Marienkäfer so lange auf ihren Händen herumkriechen, bis er auffliegt und singen dabei:
Sünnworm, fleig äwer 't Hus,
Bring uns morgen gaud Węder in 't Hus.
Aus: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg. Wien: Braumüller 1879/80 – gesammelt von Karl Bartsch (1832 – 1888)
Clarisse1 - 23. Jun, 13:11
Ein ganzer Kerl ist einer, der die Lumpereien nie begehen wird, die man ihm zutraut. Ein halber, dem man die Lumpereien nie zugetraut hat, die er begeht.Karl Kraus (1874 – 1936)
Clarisse1 - 22. Jun, 15:42