Donnerstag, 4. Oktober 2007

Aufgespießt XIV

Kinder psychoanalytischer Eltern welken früh. Als Säugling muß es zugeben, daß es beim Stuhlgang Wollustempfindungen habe. Später wird es gefragt, was ihm dazu einfällt, wenn es auf dem Weg zur Schule der Defäkation eines Pferdes beigewohnt hat. Man kann von Glück sagen, wenn so eins noch das Alter erreicht, wo der Jüngling einen Traum beichten kann, in dem er seine Mutter geschändet hat.Karl Kraus (1874 – 1936)

Mittwoch, 3. Oktober 2007

Ohne Titel

Ich hab's noch nicht versucht, aber ich glaube, ich müßte mir erst zureden und dann fest die Augen schließen, um einen Roman zu lesen.Karl Kraus (1874 – 1936)

Spätherbst

von Theodor Fontane (1819 – 1898)

Schon mischt sich Rot in der Blätter Grün,
Reseden und Astern sind im Verblühn,
Die Trauben geschnitten, der Hafer gemäht,
Der Herbst ist da, das Jahr wird spät.

Und doch (ob Herbst auch) die Sonne glüht, –
Weg drum mit der Schwermut aus deinem Gemüt!
Banne die Sorge, genieße, was frommt,
Eh' Stille, Schnee und Winter kommt.

Dienstag, 2. Oktober 2007

Aufgebung

von Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)

Ich lasse das Schicksal los.
Es wiegt tausend Milliarden Pfund;
Die zwinge ich doch nicht, ich armer Hund.

Wie's rutscht, wie's fällt,
Wie's trifft – so warte ich hier. –
Wer weiß denn vorher, wie ein zerknittertes Zeitungspapier
Weggeworfen im Wind sich verhält?

Wenn ich noch dem oder jener (zum Beispiel dir)
Eine Freude bereite,
Was will es dann heißen: "Er starb im Dreck"? –
Ich werfe das Schicksal nicht weg.
Es prellt mich beiseite.

Ich poche darauf: Ich war manchmal gut.
Weil ich sekundenlang redlich gewesen bin. –
Ich öffne die Hände. Nun saust das Schicksal dahin.
Ach, mir ist ungeheuer bange zumut.

Montag, 1. Oktober 2007

Unter Zeiten

von Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Das Perfekt und das Imperfekt
tranken Sekt.
Sie stießen aufs Futurum an
(was man wohl gelten lassen kann).

Plusquamper und Exaktfutur
blinzten nur.

Sonntag, 30. September 2007

Aufgespießt XIII

Deutsche Literaten: Die Lorbeern, von denen der eine träumt, lassen den andern nicht schlafen. Ein anderer träumt, daß seine Lorbeern wieder einen andern nicht schlafen lassen, und dieser schläft nicht, weil der andere von Lorbeern träumt.Karl Kraus (1874 – 1936)

Samstag, 29. September 2007

Eifersucht

Ein eifersüchtiger Mann ist oft ein eifersüchtiges Kind.Kurt Tucholsky (1890 – 1935)

Freitag, 28. September 2007

Wortpatenschaft


Fritz Mauthner, der nach Jean Améry "aller Sprachkritik Anfang" war, ist seit dieser Woche Wortpate von "Sprachkritik".

Auf der Urkunde wird dem Wortpaten mit auf den Weg gegeben: Bitte kümmern Sie sich um das Wort, benutzen Sie es oft und hüten Sie es vor Mißbrauch und Verdrängung.

Mauthner hat mit seinen "Beiträgen zu einer Kritik der Sprache" schon um die vorletzte Jahrhundertwende nicht nur für die Verbreitung des "Wortes" gesorgt ...

Wortpatenschaft

Zum Verschenken einer Wortpatenschaft angeregt hat mich SabineD!

Größenwahn

Es gibt ein Uebel, ohne das sich die meisten nicht wohl fühlen: den Größenwahn.Emanuel Wertheimer (1846 – 1916)

Aufgespießt XII

Der "Verführer", der sich rühmt, Frauen in die Geheimnisse der Liebe einzuweihen: Der Fremde, der auf dem Bahnhof ankommt und sich erbötig macht, dem Fremdenführer die Schönheiten der Stadt zu zeigen.Karl Kraus (1874 – 1936)

Donnerstag, 27. September 2007

Und auf einmal steht es neben dir

von Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)

Und auf einmal merkst du äußerlich:
Wieviel Kummer zu dir kam,
Wieviel Freundschaft leise von dir wich,
Alles Lachen von dir nahm.

Fragst verwundert in die Tage.
Doch die Tage hallen leer.
Dann verkümmert deine Klage . . .
Du fragst niemanden mehr.

Lernst es endlich, dich zu fügen,
Von den Sorgen gezähmt.
Willst dich selber nicht belügen
Und erstickst es, was dich grämt.

Sinnlos, arm erscheint das Leben dir,
Längst zu lang ausgedehnt. – –
Und auf einmal – – : Steht es neben dir,
An dich gelehnt – –
Was?
Das, was du so lang ersehnt.

Mittwoch, 26. September 2007

Angst

Hast du Angst, machst du Angst, fürchtest du sie, vergrößert sie sich, fliehst du vor ihr, verfolgt sie dich.Manfred Hinrich (*1926)

Über 3.500 Aphorismen und Sentenzen von Manfred Hinrich finden sich hier:

ANSEHEN und BESTELLEN

Dienstag, 25. September 2007

Aus Goethes XENIEN

An die Philister

Freut euch des Schmetterlings nicht: der Bösewicht zeugt euch die Raupe,
Die euch den herrlichen Kohl, fast aus der Schüssel, verzehrt.
Johann Wolfgang Goethe (1749 – 1832)

Was ist ein Philister?

von Johann Wolfgang Goethe (1749 – 1832)

Was ist ein Philister?
Ein hohler Darm,
Mit Furcht und Hoffnung ausgefüllt.
Daß Gott erbarm!

Montag, 24. September 2007

Bibliothekskadaver

von Peter Panter [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]

Sauber ausgerichtet stehen die Buchreihen – die Rücken glänzen matt. So viel Wissen, so viel Mühe, so viel Liebe steckt darin. Liebe des Autors und Liebe des Lesers. Die Bibliothek der verheirateten Herren wird jeden Morgen gut abgestaubt, die der Junggesellen hier und da gradegerückt – auf alle Fälle ist sie da. Wann wird sie gelesen?
Hermann Hesse hat einmal vor Jahren, als er noch seine ausgezeichneten Buchbesprechungen in dem verblichenen 'März' schrieb, eine Sortierung seiner Bücher vorgenommen und erzählt, was er alles nicht mehr haben und was er behalten möchte. Vorliebe erkaltet, Neigungen schlafen ein, Bücher, mit denen man wie verheiratet war, werden einem schließlich stumpf, reizlos, gleichgültig, und man liebelt mit neuen. Aber selbst abgesehen von der Frage des Zeitablaufs: wie viel tote Bücher hat jeder in den Regalen stehen, wie viel Attrappen, wie viel Kadaver! Und man kann sich nicht entschließen, sie herzugeben.
Daß es jemand, der von seines Geistes Arbeit lebt, heut fast unmöglich wird, Bücher zu kaufen, ist eine andre Sache – eine andre auch die Tragik der gepeitschten Bücherverkäufer, die, um wieder eine Woche leben zu können, die guten alten Lederbände hergeben. Aber das steht nun dort, und wir sehen jeden Morgen fast gewohnheitsmäßig hin, sind beruhigt, daß noch alles da ist, und fassen es nie an. Und ich bin überzeugt, daß den meisten etwas fehlte, wenn man ihnen die toten Bücher wegnähme – es ist so eine Art Rückendeckung: Nie liest du darin – aber sie sind doch da! So legt sich der Examinand das Geschichtsbuch unters Kopfkissen und schläft mit dem tröstlichen Bewußtsein der wissenschaftlichen Nähe ein . . .
Wenn sie den Nachlaß ordnen, werden sie staunen über die Vielfältigkeit deiner Interessen. Und wissen nicht, daß du jahre-, jahrzehntelang die Bände reihenweise nicht mehr angerührt hast – sie hatten nur dagestanden, wirkungsvolles Relief für Heimfotografien. Oder mehr? Seltsames Gefühl, so ein totes Buch noch einmal aufzuschlagen, wie der alte Mann in 'Immensee' tut: "Dann nickte er auch den Stuhl zum Tische, nahm eins der aufgeschlagenen Bücher und vertiefte sich in Studien, an denen er einst die Kraft seiner Jugend geübt hatte."
Streiche liebevoll über die Rücken. Im Gleiten liest deine Hand noch einmal alles, was du je geliebt.

. . . vor der Lektüre

Man wirft viel zu wenig fort, viel zu wenig – gut acht Zehntel aller Bücher zum Beispiel kann man getrost vor der Lektüre fortwerfen, ein Zehntel nach der Lektüre.Peter Panter [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]

Sonntag, 23. September 2007

Aber so ist das im Leben:

Das Schönste vom Sonntag ist der Sonnabend Abend.Theobald Tiger [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]

Der scheidende Sommer

von Heinrich Heine (1797 – 1856)

Das gelbe Laub erzittert,
Es fallen die Blätter herab;
Ach, alles was hold und lieblich
Verwelkt und sinkt ins Grab.

Die Gipfel des Waldes umflimmert
Ein schmerzlicher Sonnenschein;
Das mögen die letzten Küsse
Des scheidenden Sommers sein.

Mir ist, als müßt ich weinen
Aus tiefstem Herzensgrund;
Dies Bild erinnert mich wieder
An unsre Abschiedsstund.

Ich mußte von dir scheiden,
Und wußte, du stürbest bald;
Ich war der scheidende Sommer,
Du warst der kranke Wald.

Samstag, 22. September 2007

Aphorismus I

Ein Aphorismus ist etwas, was dem S c h r e i b e n d e n einen Essay als Kommentar erspart, den L e s e n d e n jedoch infolgedessen aufs höchste schockiert.Peter Altenberg (1859 – 1919)

Freitag, 21. September 2007

Neue Bücher

Jeder Leser kennt das Gefühl, mit dem man ein neues Buch in die Hand nimmt: man beriecht es erst einmal.Ignaz Wrobel [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]

Ja, lieber Tucho, wir Leserínnen kennen das Gefühl übrigens auch!

Der Markt des Schweigens

von Peter Panter [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]

Er liegt im Nordosten von London: Sie fahren mit der gut gelüfteten Untergrundbahn hin, das ist am billigsten. Wenn Sie oben sind, ein Stückchen rechts … und noch ein Stückchen rechts … und da, wo der Schutzmann steht, ist der Markt, der Caledonian Market.
Auf einem großen eingezäunten Platz stehen die Händler, vor sich die Ware meist auf die Erde gebreitet, auf Tücher oder auch auf kleinen Tischen. Was es da gibt –? Bitte, fragen Sie, was es nicht gibt.
Es gibt:
Silberwaren, versilbertes Alfenid, verzinktes Silber, garantiert echtes Silber, gestempeltes Silber. Großvaterstühle, Nachtstühle, gewöhnliche Stühle. Neue Gebisse. Ganz leicht gebrauchte Gebisse. Kinderwagen-Ersatz-Räder. Alte Stiefel sowie ein Bild des Generals Kitchener. Noch viel mehr alte Stiefel. Eingeweide von Sofas, Schauerliches Nippes aus Original-Kitschwood. Ein lebendiger kleiner Junge steht in einem überlebensgroßen Goldrahmen: man weiß nicht genau, wer von beiden zu verkaufen ist. Delfthundchen. Nachttöpfe. Ein Quadratkilometer Bücher. Schnürsenkel sowie Bonbons und Limonaden – merkwürdig, daß alle billigen Dinge auf der Welt so schreiende Farben haben!
Wenn man die gerade gezogenen Gänge alle herauf- und heruntergehen wollte: diese Meilen zu bewältigen, würde Stunden dauern. Es hört nie auf.
Diese Kleinhändler kaufen unter anderem alten Hausrat auf, ich sehe sie auf den Boden gehen und mit einem mißmutig-prüfenden Blick das ganze Gerümpel überblicken. „Drei Pfund“, sagen sie. Wenn ich sie aber frage, was der alte Zinnkrug da kosten soll, dann loben und preisen sie ihn, streicheln ihn mit den Blicken und sagen: „Beautiful, indeed!“ Und er kostet siebzehn Schillinge, gut und gern.
Aber das ist nun auch alles, was sie sagen. […] HIER GEHT'S WEITER

Die beiden Flaschen

von Peter Panter [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]

In Wells …
Nein, nicht Wales – Wales ist, wenn er gut angezogen ist. In Wells …
Auch nicht: well – das ist das, was die Engländer sagen, um erst einmal den nötigen Vorschlag des Satzes zu haben; denn hier fängt kein Mensch seinen Satz mit der Hauptsache an. Die Hauptsache steht im Nebensatz. Ich habe neulich in London einen jungen Herrn gefragt, ob hier, an dieser Stelle, wo auch er warte, der Omnibus 176 halte. Was sagte er? "I hope so", sagte er. Ja wäre zu bestimmt gewesen, man kann nie wissen, vielleicht hält er nicht, und die englische Sprache, die so präzis sein kann, liebt die zierlichen Hintertüren, nur so als Notausgang, sie macht wohl selten von ihnen Gebrauch. Sie setzt aber gern hinzu, daß und wann es ganz ernst wird. "Was ist der Unterschied", fragte neulich in einer Revue einer, "zwischen einem Schutzmann und einer jungen Dame? – Wenn der Schutzmann 'Halt' sagt, dann meint er das auch." Also in Wells.
Wells ist eine kleine süße Stadt im Somersetschen. Das kann man aber nicht sagen; man sagt wohl: im Hannöverschen – aber es heißt: in Somerset. Wells hat eine schöne Kathedrale und so eine geruhige Luft …! Dabei ist die Stadt nicht traulich, sie ist brav und beinah modern und ordentlich, und alles stimmt, und es ist so nett da!
Da spaziere ich also herum und sehe mir statt der Sehenswürdigkeiten die Schaufenster an, […] HIER GEHT'S WEITER

Richtige Bücher

Was ein richtiges Buch ist, das muß einen ganzen Haushalt durcheinanderbringen: die Familie prügelt sich, wer es weiterlesen darf, die Temperatur ist beängstigend, und Mittag wird überhaupt nicht mehr gekocht.Peter Panter [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]

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Sinniges


"Es gibt Worte, die nie gesagt werden dürfen, sonst sterben sie ..." – Kurt Tucholsky

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"Wer ein Buch zusammenstellt mit hilfreicher Weisheit, erdacht von anderen Köpfen, leistet der Menschheit einen größeren Dienst als der Verfasser eines Epos' der Verzweiflung." – Ella Wheeler Wilcox (1850 – 1919)

2017 in 4. Auflage erschienen:


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2010 erschienen:


Lektüreempfehlung

2018 in 3. Auflage erschienen:


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IN MEMORIAM


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HELMUT ZEH

† 1. Juli 2005

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