von Peter Panter [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]
Das wollen wir uns immer wieder klarmachen: Terminologie ist noch gar nichts.
Da ist nun die Formalbildung in die Breite, also nicht in die Tiefe, gegangen, und: "funktionell" – "kulturphysiologisch" –"physiopsychologisch" – "Komplex" – das können sie nun alle. Aber ist damit etwas ausgesagt?
Die Deutschen haben zwei große Grundgesetze entdeckt, und zwei sehr bequeme dazu: sie glauben, eine Sache damit entschuldigt zu haben, daß sie ihren technischen Hergang erklären – und sie halten es für bedeutend, wenn sie eine Binsenwahrheit in das Vokabularium ihrer eingelernten Fachwörter einspannen. Aber es ist nicht viel damit.
Mitunter läßt sich das nicht vermeiden – mitunter bringt es einen weiter.
Aber seit jeder Esel mit ein paar angelesenen Philosophie-Brocken herumjongliert, daß einem ganz angst und bange wird, hat das aufgehört: es ist einfach trivial geworden, platt, alltäglich, nichtssagend und völlig leer. Zur Zeit wird getragen: Soziologie (ganz fürchterlich), Individual-Psychologie, Musik-Philosophie und bei den ganz Feinen: Erkenntniskritik.
Oft habe ich mir die unnütze Mühe gemacht, diesen Kram ins Deutsche zu übertragen – es kam fast immer heraus: "Ignoramus" oder: "a = a", auch hießen diese Wortkaskaden, wenn man sie hatte von sich abrauschen lassen: "Aufgeregte Menschen denken nicht so logisch wie ruhige" oder ähnliche epochemachende Weisheiten. Damit ist wenig getan.
Man sei mißtrauisch, wenn der Autor in dem byzantinischen Stil falscher Wissenschaftlichkeit einhergestelzt kommt. Der Kaiser hat ja keine Kleider . . . und unter dem tombaknen Zeug siehst du ein paar jämmerlich dünne Beine und geflickte Unterhosen.
Clarisse1 - 16. Aug, 13:49
von Peter Panter [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]
Im Departement du Gard – ganz richtig, da, wo Nîmes liegt und der Pont du Gard: im südlichen Frankreich – da saß in einem Postbüro ein älteres Fräulein als Beamtin, die hatte eine böse Angewohnheit: sie machte ein bißchen die Briefe auf und las sie. Das wußte alle Welt. Aber wie das so in Frankreich geht: Concierge, Telefon und Post, das sind geheiligte Institutionen, und daran kann man schon rühren, aber daran darf man nicht rühren, und so tut es denn auch keiner.
Das Fräulein also las die Briefe und bereitete mit ihren Indiskretionen den Leuten manchen Kummer.
Im Departement wohnte auf einem schönen Schlosse ein kluger Graf. Grafen sind manchmal klug, in Frankreich. Und dieser Graf tat eines Tages folgendes:
Er bestellte sich einen Gerichtsvollzieher auf das Schloß und schrieb in seiner Gegenwart an einen Freund:
Lieber Freund!
Da ich weiß, daß das Postfräulein Emilie Dupont dauernd unsre Briefe öffnet und sie liest, weil sie vor lauter Neugier platzt, so sende ich Dir inliegend, um ihr einmal das Handwerk zu legen, einen lebendigen Floh.
Mit vielen schönen Grüßen
Graf Koks
Und diesen Brief verschloß er in Gegenwart des Gerichtsvollziehers. Er legte aber keinen Floh hinein.
Als der Brief ankam, war einer drin.
Clarisse1 - 15. Aug, 19:02
Die antisoziale Tendenz der Journaille wird auch dem blödesten Auge täglich offenbarer. Die Parole des Straßenräubers: "Das Geld her oder das Leben!" ist ein harmloses Scherzwort gegenüber dem Ruf der organisierten Gesellschaftsfeinde: "Die Nachricht her oder das Leben!" ... Karl Kraus (1874 – 1936)
Clarisse1 - 14. Aug, 10:56
von Kaspar Hauser [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]
Die brave Hausfrau liest im Blättchen
von Lastern selten dustrer Art,
vom Marktpreis fleißiger Erzkokettchen,
vom Lustgreis auch mit Fußsackbart.
Mein Gott, denkt sich die junge Gattin,
mein Gott! welch ein Spektakulum!
"Das schlanke Frauenzimmer hat ihn . . . "
Ja was? Sie bringt sich reinweg um.
O Frau! Die Phantasie hat Grenzen,
sie ist so eng – es gibt nicht viel.
Nach wenigen Touren, wenigen Tänzen
ists stets das alte, gleiche Spiel.
Der liebt die Knaben. Dieser Ziegen.
Die will die Männer laut und fett.
Die mag bei Seeoffizieren liegen.
Und der geht nur mit sich ins Bett.
Hausbacken schminkt sich selbst das Laster.
Sieh hin – und Illusionen fliehn.
Es gründen noch die Päderaster
'Verein für Unzucht, Sitz Berlin'.
Was kann der Mensch denn mit sich machen!
Wie er sich anstellt und verrenkt:
Was Neues kann er nicht entfachen.
Es sind doch stets dieselben Sachen . . .
Geschenkt! Geschenkt!
Clarisse1 - 13. Aug, 18:30
von Ignaz Wrobel [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]
Da oben spielen sie ein schweres Drama
mit Weltanschauung, Kampf von Herz und Pflicht:
Susannen attackiert ein ganz infama
Patron und läßt sie nicht.
Ich sitze im Parkett und zück den Faber
und schreibe auf, ob alles richtig sei;
Exposition, geschürzter Knoten – aber
ich denk mir nichts dabei.
Mein Herz weilt fromm bei jenem lieben Kinde,
das lächelnd eine Kindermagd agiert:
ich streichle ihr im Geiste sehr gelinde,
was sie so lieblich ziert,
Nun sieh mal einer diese süßen Pfoten,
dies Seidenhaar mit einem Häubchen drauf –
es gibt da sicher manch geschürzten Knoten:
ich löst ihn gerne auf.
Wer sagte da, daß ich nicht sachlich bliebe?
(Nu sieh mal einer dieses schlanke Bein!)
Begeisterung, Freude am Beruf und 'Liebe' –:
So soll es sein!
Clarisse1 - 13. Aug, 09:18
von Arno Holz (1863 – 1929)
Wenn die Kritiksucht unsre Kunst,
En masse schablonenhaft verhunzt,
Fällt mir der Vers ein, der famose:
Du stinkst, sprach einst das Schwein zur Rose.
Clarisse1 - 6. Aug, 23:02
von Franz Grillparzer (1791 – 1872)
Der Hund bellt an den Mond,
Der leuchtet wie gewohnt,
Gibt sich durch Strahlen kund
Und bleibt der holde Mond,
So wie der Hund – ein Hund.
Clarisse1 - 5. Aug, 12:10
von Emmanuel Geibel (1815 – 1884)
Ich hört' einmal ein Brüllen groß,
Schon dacht' ich: "Himmlischer Vater!
Das ist ein Leu!" Doch fand ich bloß
Einen ganz gewöhnlichen Kater.
Mag man immer den Löwenton
Dem putzigen Tierchen verstatten!
Die Bären und Panther läßt es schon
Und fängt uns die Mäus' und die Ratten.
Clarisse1 - 4. Aug, 15:29
Ein Rezensent, der zu den passenden Worten immer ein Urteil findet.Karl Kraus (1874 – 1936) in: Sprüche und Widersprüche. Wien/Leipzig: Verlag 'Die Fackel'. 1924.
Clarisse1 - 2. Aug, 15:14
von Giordano Bruno (1548 – 1600)
Gott Amor thut mir auf die Demantpforten
Und lehrt die hehre Wahrheit mich verstehen.
Das Aug' ist meines Gottes Thor; im Sehen
Entspringt, lebt, wächst er, ewig herrscht er dorten.
Er offenbart die Wesen aller Orten;
In treuem Bild darf ich das Ferne spähen.
Mit Jugendkraft zielt er: nun ist's geschehen.
Er trifft ins Herz und sprenget alle Pforten.
O thöricht Volk, von Sinnen stumpf und öde,
Hör' auf mein Wort! denn es ist recht und tüchtig.
Kannst du's, thu' ab vom Aug' die dunkle Binde!
Ihn schiltst du blind, weil deine Augen blöde;
Weil wankelmütig du, nennst ihn du flüchtig;
Weil du unmündig, machst du ihn zum Kinde.
Clarisse1 - 1. Aug, 13:34
Die Sprache tastet wie die Liebe im Dunkel der Welt einem verlorenen Urbild nach. Man macht nicht, man ahnt ein Gedicht.Karl Kraus (1874 – 1936)
Clarisse1 - 26. Jul, 18:33
Die Kleinlichkeit geht ins aschgraue. Deutschland ist bekanntlich das Land mit der größten Schilderliteratur der Welt – wenn wir einen Bahnwagen in Betrieb setzen, so nageln wir vierundsechzig Schilder hinein, die verbieten, befehlen, bitten, beschwören, die uns erzählen, daß man sich die Nase nicht in die Hand schneuzen soll (Hamburg); daß man und wie man absteigen soll; daß man . . . daß man nicht . . . Polizeilich erschreckte Kinder.Peter Panter [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]
Clarisse1 - 22. Jul, 15:15
Ich stehe immer unter dem starken Eindruck dessen, was ich von einer Frau denke.Karl Kraus (1874 – 1936)
Clarisse1 - 17. Jul, 09:08
von August Wilhelm Schlegel (1767 – 1845)
A.
Der Bundestag hat wie ein Leu gebrüllt.
Seid ihr von Grausen, Deutsche, nicht erfüllt?
Macht euch gefaßt auf unerhörte Dinge!
Er geht umher und sucht, wen er verschlinge.
B.
Nicht doch! Es war kein Brüllen, wie ihr wähnt.
Der Bundestag hat nur sehr laut gegähnt;
Denn auf der Bärenhaut der Protokolle
Sich wälzend, spielt er schlafend seine Rolle.
Clarisse1 - 10. Jul, 10:54
Mit der Entfernung von meinem Tisch wächst die Schlechtigkeit der Feuilletons.Karl Kraus (1874 – 1936)
Clarisse1 - 9. Jul, 10:58