Montag, 15. September 2008

Ich habe gebangt um dich

von Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)

Ich habe gebangt um dich.
Ich wäre so gern für dich gegangen. –
Du hättest im gleichen Bangen
Dann gewartet auf mich.

Ich hörte nicht mehr
Und ich sah auch nicht.
Ein Garnichts floh vor mir her,
Gefrorenes Licht.

Nun atmet mein Dank so tief,
Und die Welt blüht im Zimmer. –
Daß alles so gnädig verlief,
Vergessen wir's nimmer!

Dienstag, 9. September 2008

Karl Kraus

von Ignaz Wrobel [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]

Am Freitag las Karl Kraus im Bechstein-Saal aus seinen Schriften – Karl Kraus, der wiener Herausgeber der Fackel, die im Kriege so vielen dunklen Köpfen vorangeleuchtet hat. Er las künstlerisch Gestaltetes aus der großen Zeit.
Gestank steigt auf, es war, als ob ein geschichtliches Grammophon zurückgedreht wurde, die herrliche, die große Zeit stand noch einmal da im bunten Glanze all ihrer Uniformen – Hurra! Fürsten, Könige, Universitätsprofessoren, Durchhalter aller Kaliber, Presselumpen, Schmöcke, Offiziere und Huren – all das Gelichter ließ er noch einmal erstehen. Und es erstand und war lebendig – Kraus sagt einmal selbst, es sei die tragische Pflicht seiner Figur, vor alles, was wirklich geschehen sei, nur die Anführungsstriche zu setzen, und dann glauben die Leute, er habe es erfunden. So etwas gebe es nicht – so etwas könne man nur erfinden . . . Aber es ist immer wahr gewesen.
Tot ist die Zeit, und so lebendig! Hat sich denn etwas geändert? Wenn man diese Vorlesung hörte, muß man sagen: kaum. Kraus las aus seinem gewaltigen Drama "Die letzten Tage der Menschheit" – das in Zeitungsausschnitten, Reden, Zitaten und Presseberichten das Jammerbild dieser großen Jammerzeit in fotografischer Treue wiedergibt. Ein Tosen ging durch den Saal, als Kraus meisterhaft leise und klar von der Audienz vortrug, die Seine Majestät der Kaiser dem wiener Schriftsteller Hans Müller in der wiener Hofburg gewährt hatte und nach der beide, hoch voneinander entzückt, geschieden waren: "Daß der Kaiser auf einen Brünner Juden hereinfällt, das ist ja weiter kein Wunder – aber daß ein Brünner Jud auf den Kaiser hereinfällt . . . !" Nur eine schüchterne Pfeife sang leise das Lied von der deutschen Mannentreue in den Jubel . . .
Aber der Höhepunkt des Abends war doch der Brief, den Rosa Luxemburg im Jahre 1917 aus dem preußischen Weibergefängnis in Luckau an Sophie Liebknecht geschrieben hat. Wie in diesem Brief da das Weh einer ganzen Menschheit klagt, wie die Leiden der aus Rumänien geraubten Büffel, die vor Kommißwagen gespannt waren, der unvergessenen Frau Tränen entlockten – "und ich weinte ihre Tränen!" –, das brannte sich in die Herzen. Und bei diesen Worten: "Und der ganze herrliche Krieg zog an mir vorbei" dachten wir der Toten.
Hat sich etwas gewandelt? Der Saal erbrauste, und Kraus verneigte sich. Hier in Berlin wäre er längst ein toter Mann – er hätte sich sicherlich seiner – ungesetzlichen – Verhaftung durch die Flucht entzogen und wäre unterwegs auf einem Transport abhanden gekommen. Wohl ihm, daß er in Wien lebt.
Hat sich etwas gewandelt? Nein. Und wir schieden von Karl Kraus, im Ohr diese Worte:
"Und Kaiserreiche haben Präsidenten an der Spitze!"

Aus: "Freiheit", 31.05.1920

Montag, 1. September 2008

???

Mit offenen Augen vom Coupé, vom Wagen, vom Boot, vom Fiacre aus die Dinge an sich vorüberziehen lassen, das ist das A und O des Reisens.Theodor Fontane (1819 – 1898)

Sonntag, 31. August 2008

Zwei große Männer . . .

Frankfurt hat zwei große Männer hervorgebracht: Goethe und Gussy Holl.Ignaz Wrobel [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]

Freitag, 29. August 2008

Der Schatz der deutschen Prosa

Wenn man von Goethes Schriften absieht und namentlich von Goethes Unterhaltungen mit Eckermann, dem besten deutschen Buche, das es gibt: was bleibt eigentlich von der deutschen Prosa-Literatur übrig, das es verdiente, wieder und wieder gelesen zu werden? Lichtenbergs Aphorismen, das erste Buch von Jung-Stillings Lebensgeschichte, Adalbert Stifters Nachsommer und Gottfried Kellers Leute von Seldwyla, – und damit wird es einstweilen am Ende sein.Friedrich Nietzsche (1844 – 1900)

Fragment von Schwänzen

von Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799)

Ein Beytrag zu den Physiognomischen Fragmenten.
1783


Vorbericht zum fünften Bande erstes Stück, des neuen Magazins für Aerzte.

Herrn Lavaters große Physiognomie veranlaßte zwischen zweyen Freunden Spott. Der eine moquirte sich über die Silhouette des Hoffnungsvollen Jünglings – den Herr Lavater zum Genie vom ersten Range erhob – und da ihm eben ein junges Schwein begegnete, so fiel ihm ein, daß sich über die hoffnungsvollen Schweinsjünglinge wohl was Physiognomisches sagen ließe. Dieser hinzugeworfene Gedanke fachte den Witz des Verfassers sogleich an, diese Aufsätze zu machen. Beyde Freunde lebten auf der Königin der Akademien – und so kam die Idee über das Haar zu tragen hinzu.

Fragment von Schwänzen.
1) Heroische, kraftvolle
A. Ein Sauschwanz.
B. Englischer Doggenschwanz.

Zum Gesamttext

Darin auch:

Einige Silhouetten von unbekannten, meist tatlosen Schweinen.

und

Acht Silhouetten von Purschenschwänzen zur Übung.

Informationen zu Georg Christoph Lichtenberg unter:
Lichtenberg-Gesellschaft e. V.

Selbsterhalt

Ich vergesse das meiste, was ich gelesen habe, so wie das, was ich gegessen habe. Ich weiß aber so viel, beides trägt nichtsdestoweniger zur Erhaltung meines Geistes und Leibes bei.Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799)

Gedanke(n) II

Er konnte einen Gedanken, den jedermann für einfach hielt, in sieben andere spalten, wie das Prisma das Sonnenlicht, wovon einer immer schöner war als der andere, und dann einmal eine Menge anderer sammeln und Sonnenweiße hervorbringen, wo andere nichts als bunte Verwirrrung sahen.Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799)Der Gedanke ist in der Welt, aber man hat ihn nicht. Er ist durch das Prisma stofflichen Erlebens in Sprachelemente zerstreut: der Künstler schließt sie zum Gedanken.Karl Kraus (1874 – 1936)

Donnerstag, 28. August 2008

Ukas

von Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Durch Anschlag mach ich euch bekannt:
Heut ist kein Fest im deutschen Land.
Drum sei der Tag für alle Zeit
zum Nichtfest-Feiertag geweiht.

Mittwoch, 27. August 2008

Größtes Glück

Meine Selbständigkeit war nächst meiner Liebe mein größtes Glück.Fanny Lewald (1811 – 1889)

Dienstag, 26. August 2008

Die Kunst, Bücher zu beurteilen . . .

Unter die größten Entdeckungen, auf die der menschliche Verstand in den neuesten Zeiten gefallen ist, gehört meiner Meinung nach die Kunst, Bücher zu beurteilen, ohne sie gelesen zu haben.Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799)

Montag, 25. August 2008

"Rübchen schaben"

Ein Satz kann nie zur Ruhe kommen. Nun sitzt dies Wort, denke ich, und wird sich nicht mehr rühren. Da hebt das nächste seinen Kopf und lacht mich an. Ein drittes stößt ein viertes. Die ganze Bank schabt mir Rübchen. Ich laufe hinaus; wenn ich wiederkomme, ist alles wieder ruhig; und wenn ich unter sie trete, geht der Lärm los.Karl Kraus (1874 – 1936)

Samstag, 23. August 2008

Herz der Sprache

Das älteste Wort sei fremd in der Nähe, neugeboren und mache Zweifel, ob es lebe. Dann lebt es. Man hört das Herz der Sprache klopfen.Karl Kraus (1874 – 1936)

Donnerstag, 21. August 2008

Albumblatt für Literaturkritiker

Jeder, der kritisch tätig ist, sollte täglich dreimal dieses Gebet beten: Damit, daß du kritisierst, bist du dem Werk nicht überlegen; dadurch bist du ihm nicht überlegen; dadurch bist du ihm nicht überlegen.Peter Panter [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]

Dienstag, 19. August 2008

Die Wolken warten ohne Flucht

von Max Dauthendey (1867 – 1918)

Die Wolken warten ohne Flucht,
Der Wasserfall zischt aus der Schlucht.
Grasblüten zittern im Morgenhauch.
Gedanken, wie der blaue Rauch,
Sie eilen hin zum Meeresrand.

Der Sehnende lebt ohne Land,
Wie die Wolke im Leeren hängt,
Wie der Wasserfall eingezwängt.
Er bebt empfindlich wie zartes Gras.
Und wie der Meeresspiegel blaß,
Sucht ruhlos atmend er die Ruh'.
Sein Lächeln deckt Abgründe zu.

(Tosari, 23. März 1918)

Montag, 18. August 2008

"Begriffskuppelei"

von Fritz Mauthner (1849 – 1923)

[. . .] kein Beruf steht dem des tüchtigen Philosophen so nahe wie der eines Heirathsvermittlers oder Kupplers. Denn unsere ganze Arbeit, wenn wir philosophiren, ist nichts Anderes als ein Verkuppeln zweier Begriffe, die sich oft gar nicht freiwillig mit einander verbinden wollen. Auch die neuen Begriffe, welche die also verbundenen Eheleute mit einander zeugen, fehlen nicht, wobei dann – wie so oft in der Ehe – nicht die Gattten und nicht die Sprößlinge, sondern die Kuppler und die Hebeammen den sichersten Vortheil davontragen."

Aus: Fritz Mauthner: Xanthippe. Dresden und Leipzig: Verlag von Heinrich Minden 1884, S. 25.

Ich liebte nicht

von Hugo Ball (1886 – 1927)

Ich liebte nicht die Totenkopfhusaren
Und nicht die Mörser mit den Mädchennamen
Und als am End die großen Tage kamen,
Da bin ich unauffällig weggefahren.

Gott sei's geklagt und ihnen, meine Damen:
Gleich Absalom blieb ich an langen Haaren,
Dieweil sie schluchzten über Totenbahren
Im Wehbaum hängen aller ihrer Dramen.

Sie werden auch in diesen Versen finden
Manch Marterspiel und stürzend Abenteuer.
Man stirbt nicht nur durch Minen und durch Flinten.

Man wird nicht von Granaten nur zerrissen.
In meine Nächte drangen Ungeheuer,
Die mich die Hölle wohl empfinden ließen.

Sonntag, 17. August 2008

"Email" – [nicht zu verwechseln mit "E-Mail"]

von Peter Panter [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]

Ich habe hier einmal einen bösen Schwupper gemacht; daß sich die Setzerkästen nicht gebogen haben! "Emaille" habe ich geschrieben – pfui! Ein guter Leser hat es angemerkt, und ich kroch mit seinem Brief in ein zu diesem Behuf angebrachtes Mauseloch und war eine halbe Stunde ganz klein und häßlich.
Das Wort "Emaille" gibt es nicht. Aber es gibt Wörter, die sind aus Email, nein, aus Zinn, nein, aus Blech, aus billigem, verbeultem Blech. Und weil wir gerade von der deutschen Sprache sprechen, dürfte es an der Zeit sein, einmal ein Wort gründlich zu beleuchten, das sich wie ein ansteckender Pickel in allen Schriftgesichtern ausbreitet. Es ist das Wort "Mensch" – mit den Nebenpickeln: "menschlich" –"Menschlichkeit" – "das Menschliche". Hier geht's weiter.

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"Es gibt Worte, die nie gesagt werden dürfen, sonst sterben sie ..." – Kurt Tucholsky

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"Wer ein Buch zusammenstellt mit hilfreicher Weisheit, erdacht von anderen Köpfen, leistet der Menschheit einen größeren Dienst als der Verfasser eines Epos' der Verzweiflung." – Ella Wheeler Wilcox (1850 – 1919)

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IN MEMORIAM


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HELMUT ZEH

† 1. Juli 2005

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