Dienstag, 18. November 2008

Ein männlicher Briefmark . . .

von Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)

Ein männlicher Briefmark erlebte
Was Schönes, bevor er klebte.
Er war von einer Prinzessin beleckt.
Da war die Liebe in ihm geweckt.

Er wollte sie wiederküssen,
Da hat er verreisen müssen.
So liebte er sie vergebens.
Das ist die Tragik des Lebens!

Sonntag, 16. November 2008

Bescheidenheit


"Die Absicht nun aber, in welcher der Dichter unsere Phantasie in Bewegung setzt, ist, uns die Ideen zu offenbaren, das heißt an einem Beispiele zu zeigen, was das Leben, was die Welt sei. Dazu ist die erste Bedingung, daß er es selbst erkannt habe: je nachdem dies tief oder flach geschehen ist, wird seine Dichtung ausfallen. Demgemäß gibt es unzählige Abstufungen, wie der Tiefe und Klarheit in der Auffassung der Natur der Dinge, so der Dichter. Jeder von diesen muß inzwischen sich für vortrefflich halten, sofern er richtig dargestellt hat, was er erkannte, und sein Bild seinem Original entspricht: er muß sich dem Besten gleichstellen, weil er in dessen Bilde auch nicht mehr erkennt, als in seinem eigenen, nämlich so viel, wie in der Natur selbst: da sein Blick nun einmal nicht tiefer eindringt. Der Beste selbst aber erkennt sich als solchen daran, daß er sieht, wie flach der Blick der Andern war, wie vieles noch dahinter lag, das sie nicht wiedergeben konnten, weil sie es nicht sahen, und wie viel weiter sein Blick und sein Bild reicht. Verstände er die Flachen so wenig, wie sie ihn, da müßte er verzweifeln: denn gerade weil schon ein außerordentlicher Mann dazu gehört, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die schlechten Poeten ihn aber so wenig hochschätzen können, wie er sie, so hat auch er lange an seinem eigenen Beifalle zu zehren, ehe eine Welt nachkommt. – Inzwischen wird ihm auch jener verkümmert, indem man ihm zumutet, er solle fein bescheiden sein. Es ist aber so unmöglich, daß, wer Verdienste hat und weiß, was sie kosten, selbst blind dagegen sei, wie daß ein Mann von sechs Fuß Höhe nicht merke, daß er die Andern überragt ... Horaz, Lucrez, Ovid und fast alle Alten haben stolz von sich geredet, desgleichen Dante, Shakespeare, Bako von Verulam und viele mehr. Daß einer ein großer Geist sein könne, ohne etwas davon zu merken, ist eine Absurdität, welche nur die trostlose Unfähigkeit sich einreden kann, damit sie das Gefühl der eigenen Nichtigkeit auch für Bescheidenheit halten könne. Ein Engländer hat witzig und richtig bemerkt, daß merit und modesty nichts Gemeinsames hätten, als den Anfangsbuchstaben. Die bescheidenen Zelebritäten habe ich stets im Verdacht, daß sie wohl recht haben könnten; und Corneille sagt geradezu:

La fausse humilité ne met plus en crédit:
Je scais ce que je vaux, et crois ce qu'on m'en dit.

Endlich hat Goethe es unumwunden gesagt: 'Nur die Lumpe sind bescheiden'. Aber noch unfehlbarer wäre die Behauptung gewesen, daß die, welche so eifrig von Andern Bescheidenheit fordern, auf Bescheidenheit dringen, unablässig rufen: 'Nur bescheiden! um Gotteswillen, nur bescheiden!' zuverlässig Lumpe sind, das heißt: völlig verdienstlose Wichte, Fabriksware der Natur, ordentliche Mitglieder des Packs der Menschheit. Denn wer selbst Verdienste hat, läßt auch Verdienste gelten – versteht sich echte und wirkliche. Aber der, dem selbst alle Verdienste und Vorzüge mangeln, wünscht, daß es gar keine gäbe: ihr Anblick an Andern spannt ihn auf die Folter; der blasse, grüne, gelbe Neid verzehrt sein Inneres: er möchte alle persönlich Bevorzugten vernichten und ausrotten: muß er sie aber leider leben lassen, so soll es nur unter der Bedingung sein, daß sie ihre Vorzüge verstecken, völlig verleugnen, ja abschwören. Dies also ist die Wurzel der so häufigen Lobreden auf die Bescheidenheit. Und wenn solche Präkonen derselben Gelegenheit haben, das Verdienst im Entstehen zu ersticken, oder wenigstens zu verhindern, daß es sich zeige, daß es bekannt werde – wer wird zweifeln, daß sie es tun? Denn dies ist die Praxis zu ihrer Theorie."

Schopenhauer, "Welt als Wille und Vorstellung", 2. Band, 3. Buch 37. Kap.

Zitiert nach Karl Kraus: Die Fackel: Nr. 293, 04.01.1910, 11. Jg., S. 20 ff.

Freitag, 14. November 2008

. . .

Der Anstand m u ß Zuschauer haben.Emanuel Wertheimer (1846 – 1916)

Mittwoch, 12. November 2008

Der wahre Stil dieser Zeit

In mir empört sich die Sprache selbst, Trägerin des empörendsten Lebensinhalts, wider diesen selbst. Sie höhnt von selbst, kreischt und schüttelt sich vor Ekel. Leben und Sprache liegen einander in den Haaren, bis sie in Fransen gehen, und das Ende ist ein unartikuliertes Ineinander, der wahre Stil dieser Zeit.Karl Kraus (1874 – 1936)

Donnerstag, 6. November 2008

Letzte Verführung


Kuno Bärenbold: Letzte Verführung. Nachgelassene Texte herausgegeben von Matthias Kehle und Thomas Lindemann.

Letzte-Verfuehrung

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Mittwoch, 5. November 2008

Wonne sprachlicher Zeugung

Nur in der Wonne sprachlicher Zeugung wird aus dem Chaos eine Welt.Karl Kraus (1874 – 1936)

Dienstag, 4. November 2008

. . .

Der Mittelmäßige schätzt an dem Genie nichts so sehr wie dessen Bescheidenheit.Emanuel Wertheimer (1846 – 1916)

Montag, 3. November 2008

Dummheit

Es ist ein Unglück, daß in der Welt mehr Dummheit ist, als die Schlechtigkeit braucht, und mehr Schlechtigkeit, als die Dummheit bewirkt.Karl Kraus (1874 – 1936)

Sonntag, 2. November 2008

Idealistische Geburt

Manche Menschen haben bloß männliche, andere bloß weibliche Gedanken. Daher gibt es so viele Köpfe, die unfähig sind, Ideen hervorzubringen, weil man die Gedanken beider Geschlechter vereint besitzen muß, wenn eine idealische Geburt zustande kommen soll.Ludwig Börne (1786 – 1837)

Samstag, 1. November 2008

Widersprüche der Liebe

von Aloys Blumauer (1755 – 1798)

Die Tyrannin, die so viele Sklaven
Zählt als Menschen auf der Erde sind,
Und mit ihren sieggewohnten Waffen
Alles zwingt, ist doch der Freiheit Kind.

Sie, an deren schwerem Siegeswagen
Wir nie anders als gebunden geh'n,
Der nur Zwang und Sklavendienst behagen,
Kann doch ohne Freiheit nicht besteh'n.

Sie, die mit dem Blick die Freiheit tödtet,
Stirbt doch selbst vom kleinsten Hauch der Pflicht,
Sie, die uns so fest zusammenkettet,
Duldet die geringste Fessel nicht.

Sie, die Widerstand nicht überwindet,
Die selbst Elternfluch nicht übermannt,
Flieht vor jedem Schein des Zwangs, und schwindet
Unter'm Segen einer Priesterhand.

Sie, die frei im ew'gen Lenze blühet,
Welket über Nacht im Ehhett' ab;
Sie, die nach Genusse lechzt und glühet,
Findet im Genusse selbst ihr Grab.

D'rum wozu soll sich der Mensch entschliessen?
Soll er ewig fruchtlos Sklave seyn?
Soll er lieben ohne zu geniessen?
Oder soll er ohne Liebe frey'n?

Freitag, 31. Oktober 2008

Es geht zu Ende

von Peter Altenberg (1859 – 1919)

Sonniger Herbsttag – – –. An sonnigen Stellen Wärme, Hitze – – an schattigen Stellen Keller-Kälte. Es duftet nach welken Blättern und frischer feuchter Erde. Auf den Uferwiesen stehen kurze dünne helliotropefarbige Striche, Colchicum autumnale.
Braune Libellen baden im Sonnenlichte – – –. Auf der weissen Strasse zwischen den dunkelbraunen Holzbirnbäumen, fährt der Herzog mit seinem Sohne in einer offenen Equipage. Ein Tigerfell liegt über ihre Füsse. Wie sie an dem kleinen sonnengebadeten Friedhofe vorbeikommen, ziehen sie tief die Hüte ab.
Der Diener am Bock macht das Kreuz.
Nur der fette Kutscher sitzt unbeweglich – – er ist im Amte. Er starrt auf die weisse sonnige Strasse mit den Herbstblättern – – –.
Im Garten einer Villa blühen rothe und gelbe Georginen.
Auf einer Bank, in der Herbstsonne, sitzt ein junges Mädchen.
Es träumt: "Wird man heuer die Ballkleider rund ausgeschnitten tragen?!"
Die Georginen werden in allen Farben gezogen – das sind die Harmonieen der Kultur.
Im herzoglichen Garten stehen sie in dicken Büschen, roth und gelb gesprenkelt, weiss und lila, rosa und rostroth, wie Bordeaux-Wein und Safran, wie Alpenglühen und Zimmtfarbe – – –.
Die Equipage fährt ein durch das schmiedeeiserne Gitterthor mit den goldenen Rosetten, der Diener springt vom Bock. Der alte Herzog und der junge Herzog steigen aus. Der Diener verbeugt sich tief.
Nur der fette Kutscher sitzt unbeweglich. Er starrt auf die weisse sonnige Allee mit ihren Herbstblättern – – –. Er ist im Amte.
Die hellen Birken zittern. In den Lüften schreien die Krähen "kraa – – kraa!"
Die Georginen stehen da in allen Farben, die hellen glänzen wie Butter, die dunklen sind matt wie Sammt.
Hochadel und Villenbesitzer! Ihr sitzt noch in den Gärten in der Herbstsonne und fahrt auf den Landstrassen in den Equipagen – – –! Ihr dürft noch die goldenen Lichter der letzten Herbsttage trinken, Ihr, die Georginen und die Krähen – – – kraa!

Donnerstag, 30. Oktober 2008

Herbstbacchanal

von Max Dauthendey (1867 – 1918)

Die stolze Fülle verstümmelt, gebrochen.
Die reiche Erde verknöchert, bestaubt.
Fäule kommt auf trägem Leib gekrochen
Und reckt voll Gier das graue Moderhaupt.
Doch trotzig sträuben sich die zähen Pulse,
Die Todesangst fliegt auf, taumelt, rafft
Aus dem zermorschten Siechen
Die letzte, ringende Kraft.

Zitternde Bläße schminkt sich
Mit stierem grinsenden Blut,
Mühsames Leben lodert
Leere, erheuchelte Glut.
Flammenjauchzen durchgellt
In grassem Echo die Welt,
Betäubende Feuer schäumen,
Farben tollen, bäumen
Schrille, kreischende Funken,
Lachen rast, wahnsinntrunken.

Doch unter all dem blinden Tosen,
Durch den verzweifelten Sturm,
Pocht an die flackernden Rosen –
Der Totenwurm.

Mittwoch, 29. Oktober 2008

"Journaille"

aus: Karl Kraus (1874 – 1936): Genua. – In: Brot und Lüge. Aufsätze 1919–1924.

Was das Wort "Journaille" betrifft, so habe ich wohl das Verdienst, es in Umlauf gebracht zu haben, aber es stammt nicht von mir, wie hierzulande immer gemeint wird, sondern, wie schon einmal festgestellt wurde, von Alfred Berger, der es aber entweder bei Rochefort gefunden oder seinen Prägungen nachgebildet hat; von einem Manne, der zwar genug eigenen Witz hatte, es zu bilden, aber nicht genug Festigkeit, es zu behaupten, und der jedenfalls einen so beweglichen Geist besaß, daß er ihn auch im Umgang mit der Journaille zur Geltung bringen konnte.

Dienstag, 28. Oktober 2008

Aufgespießt XXXIII

Religion, Moral und Patriotismus sind Gefühle, die sich erst dann bekunden, wenn sie verletzt werden. Der Sprachgebrauch, welcher sagt, daß einer, der leicht zu beleidigen ist, "gern" beleidigt ist, hat recht. Jene Gefühle lieben nichts so sehr wie ihre Kränkung, und sie leben ordentlich auf in der Beschwerde über den Gottlosen, den Sittenlosen, den Vaterlandslosen. Den Hut vor der Monstranz zu ziehen, ist bei weitem keine so große Genugtuung wie ihn jenen vom Kopf zu schlagen, die andersgläubig oder kurzsichtig sind.Karl Kraus (1874 – 1936)

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HELMUT ZEH

† 1. Juli 2005

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