Dienstag, 5. Mai 2009

Aufgespießt XXXVI

Die meisten Menschen beschäftigen sich damit, zu grübeln, wie es die andern besser machen sollten, und sehen sehr scheel, wenn man an ihrer eigenen Unfehlbarkeit zweifelt.Johann Gottfried Seume (1763 – 1810)

Gewisse Dinge . . .

Gewisse Dinge glaube ich sogleich, wenn ich sie höre, so sehr haben sie den Stempel der Wahrheit; gewisse Dinge, wenn ich sie sehe; gewisse Dinge muß ich sehen und hören, um sie zu glauben; und gewisse Dinge glaube ich nicht, wenn ich sie auch sehe und höre.Johann Gottfried Seume (1763 – 1810)

Sonntag, 3. Mai 2009

Maiengruß an den Redakteur

von Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)

Frühlingszartes Wohlbehagen
Schwellt erfrorne Poesie.
Maiberauscht im Speisewagen
Ballt sich etwas wie Genie.

Weil Berlin voraus in Sicht ist
Und die Sonne mich bestrahlt.
Und je länger ein Gedicht ist,
Desto besser wird's bezahlt.

Darum: Hundertzweiundneunzig
Tausend und fünfhundertzwei
Oder noch mehr Leute freun sich.
Denn der Winter ist vorbei.

Elf Millionen zweimal hundert
Tausend siebenhundertzehn
Menschen sind etwas verwundert,
Weil kein Maikäfer zu sehn.

Sechs Billionen zwölf Milliarden –
Schätzungsweise – fragen sich:
Wo steckt Maximilian Harden.
Nun, verflucht, was kümmert's mich.

Vier Trillionen neun Billionen
Zirka siebenhundertelf
Milliarden fünf Millionen
Achtzehntausend hundertzwölf – –

Und ich könnte das erweitern
Bis in die Unendlichkeit,
Doch ein Dichter tritt den heitern
Frühlingszarten Mai nicht breit.

Sondern trinkt, sich selbst beschränkend,
Maienbowle, Maienkraut,
Seines Redakteurs gedenkend,
Dem er voll und ganz vertraut.

Freitag, 1. Mai 2009

Erster Mai

Max Dauthendey (1867 – 1918)

Erster Mai.
Alle Wiesen keimen,
Alle Vögel reimen,
Kleine Blumen scheinen,
Mädchen in lachendem Schwarm,
Tausend Sonnen warm.

Mai, du machst mich arm,
Ich muß niederknien,
In meine Hände weinen.

Maien

von John Brinckman (1814 – 1870)

De Mai, de Mai is kamen;
nu gah wi, jung un olt,
nu gah wi alltosamen
in't Holt, in't gröne Holt.

Nu frische Maien hal wi
un stäk' se an üns' Höd,
nu sett' in't Holt üns dal wi
un sing' üns' ollen Leed;

een jeder nah sin Gaben,
in eens noch eens so schön,
bet dat de Stirn dor baben
sick wisen een bi een.

Un wenn't dorœwer Nacht ward,
wat heet, wat deit dat grot,
wu sungen, küßt un lacht ward?
Kumm, sett di up min'n Schot!

De Busch, de Busch so dicht hier,
so warm de gröne Nacht;
de Flämmstirn, de gäw' Licht hier,
mihr, as wi bruken, sacht;

dat Männken sik to Wiwken
un Münd to Münd sick finnt,
min Arm sick üm din Liwken,
din üm min'n Hals sick winnt.

Nu sett di to üns her eens
in't Moß, Fru Nachtigall,
nu kumm un sing üns vör eens
din Hochtitsleeder mal!

Maikaterlied

von Otto Julius Bierbaum (1865 – 1910)

Maikater singt die ganze Nacht:
Der Frühling ist erwacht, erwacht,
Der Frühling ist erwacht!
Gleich einem Reis trägt er den Schwanz;
Wärn Blätter dran, so wärs ein Kranz;
Er flötet:
Oh holde Mimamausamei,
Wer dich zu lieben wagt, der sei
Getötet!
Ich ganz alli-alla-allein,
Nur ich darf dein Geschpusi sein,
Bis daß es morgenrötet.

Im Mai sind alle Blätter grün,
Im Mai sind alle Kater kühn
Und alle Jüngelinge.
Und wer ein Herz hat, faßt sich eins,
Und wär sich keins faßt, hat auch keins;
Singe mein Kater, singe!

Mist, zu spät . . .


Wenn man sich Maitag vor Sonnenaufgang nackend im Thau wälzt, so wird man dadurch befreit von jeder Krankheit, welcher Art sie auch sein mag. (Aus Warlow bei Ludwigslust. Seminarist Zengel.)

Aus: Gebräuche und Aberglaube – gesammelt von Karl Bartsch (1832 – 1888)

Dienstag, 28. April 2009

Gefühl und Vernunft

Gefühl und Vernunft sind die Sonne und der Mond am moralischen Firmament. Immer nur in der heißen Sonne, würden wir verbrennen, immer nur im kühlen Mond, würden wir erstarren.Friedrich Maximilian Klinger (1752 – 1831)

Der Büchersaal

von Leopold Friedrich Günther von Goeckingk (1748 – 1828)

Um seinen Büchersaal zu sehn,
Besuchten wir den Herrn von Zahren,
Allein er ließ uns wieder gehn,
Vermuthlich, weil wir keine Motten waren.

Der Büchersammler

von Aloys Blumauer (1755 – 1798)

Thrax tapeziret alle seine Wände
Mit Büchern aus, in die er niemals schaut:
So schrieben einst der alten Weisen Hände
Der größten Weisheit Schatz auf eines Esels Haut.

Montag, 27. April 2009

Gedanke(n) III

Der Gedanke forderte die Sprache heraus. Ein Wort gab das andere.Karl Kraus (1874 – 1936)

Freitag, 24. April 2009

Gespenster und Schreckgestalten

Die Arbeit der philosophischen, theologischen, politisch-pathologischen Volksführer ist fast durchaus, Rauch zu machen und darin Gespenster und Schreckgestalten zu zeigen, damit man sich an ihre Heilande halten soll, von denen immer einer schlechter ist als der andere.Johann Gottfried Seume (1763 – 1810)

Besessenheit II


"[. . .} Na ja, es ist ganz bequem, eine Besessenheit zu haben. Man braucht da nicht nachzudenken, was man tun soll, man muß etwas tun, ob man will oder nicht. Das ist so wie bei einer Staatsanstellung, man muß in das Bureau, ob man will oder nicht. Ich habe meiner Besessenheit jetzt den Abschied gegeben."

Aus: Eduard von Keyserling (1855 – 1918): Wellen. 1911.

Besessenheit I


[. . .] Seine Besessenheit sammelte sich in dem einen Punkt. Jeder Blick forschte greulich, jedes Wort sondierte, hinter jeder Zärtlichkeit und Berührung war die eine Frage. Sie wich aus; er wurde rasend. Sie wollte ihn besänftigen; er warf sich hin und küßte ihre Füße. Sie erbarmte sich und täuschte ihn für die Dauer einiger trunkener Stunden mit den frei erfundenen Einzelheiten einer platonischen Schwärmerei. Er schien zu glauben, warb um Verzeihung, verhieß Besserung, Schweigen, Schonung. Aber es verstrich kein Tag, und das Unwesen begann von neuem. Sein Auge war vom Mißtrauen geätzt; Christian Wahnschaffe war der Feind, der Dieb, der Widersacher. Was war zu der und der Zeit? Was hast du ihm da und da gesagt? Was hat er geantwortet? Woher kam er? Wohin ging er? Hat er das Letzte von dir verlangt? Hast du ihn geküßt? Einmal? Viele Male? Hast du gewünscht, daß er dich küsse? Wo warst du allein mit ihm? Wie sah das Zimmer aus? Was für ein Kleid trugst du? Rettungslos; eine Schraube, die sich einbohrt. Johanna stieß ihn von sich. Sie höhnte; sie seufzte; sie schlug die Hände vors Gesicht; sie weinte; sie lachte; und sie wich nicht um Haares Breite.

Aus: Jakob Wassermann (1873 – 1934): Christian Wahnschaffe. Berlin: S. Fischer 1919.

Dummheit /Faulheit

Faulheit ist Dummheit des Körpers, und Dummheit Faulheit des Geistes.Johann Gottfried Seume (1763 – 1810)

Ach was . . .

Die Geschichte scheint mir fast zu bürgen, daß die Menschen keine Vernunft haben.Johann Gottfried Seume (1763 – 1810)

Donnerstag, 23. April 2009

"Hosen des guten Anstandes"

Jeder Mensch hat auch seine moralische backside, die er nicht ohne Not zeigt, und die er so lange als möglich mit den Hosen des guten Anstandes zudeckt.Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799)

Mittwoch, 22. April 2009

Eine gewisse Art von Büchern

Es gibt eine gewisse Art von Büchern, und wir haben in Deutschland eine große Menge, die nicht vom Lesen abschrecken, nicht plötzlich einschläfern, oder mürrisch machen, aber in Zeit von einer Stunde den Geist in eine gewisse Mattigkeit versetzen, die zu allen Zeiten einige Ähnlichkeit mit derjenigen hat, die man einige Stunden vor einem Gewitter verspürt. Legt man das Buch weg, so fühlt man sich zu nichts aufgelegt, fängt man an zu schreiben, so schreibt man eben so, selbst gute Schriften scheinen diese laue Geschmacklosigkeit anzunehmen, wenn man sie zu lesen anfängt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß gegen diesen traurigen Zustand nichts geschwinder hilft als eine Tasse Kaffee mit einer Pfeife Varinas.Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799)

Geschichte der Dummheit

Dumme Geschichte ist ein Pleonasmus. Die Geschichte der Menschheit ist nichts als eine Geschichte der Dummheit.Ludwig Börne (1786 – 1837)

Dienstag, 21. April 2009

Liebeswahnsinn

Liebeswahnsinn! Pleonasmus!
Liebe ist ja schon ein Wahnsinn!
Heinrich Heine (1797 – 1856)

Montag, 20. April 2009

Sehnsucht

von Felix Dörmann (1870 – 1928)

Ich sehne mich nach einer Traumgestalt,
Nach einem unberührten, keuschen Wesen,
Das noch im Buch der Sünde nicht gelesen,
Das Wollust nicht einmal im Geist umkrallt.

In ihrer Seele müßte Mitleid wohnen
Mit jedem Menschen und mit jedem Tier,
Am allermeisten aber doch mit mir,
In dem das Elend und die Marter thronen.

Und wie vom übervollen Weinpokal
Die goldnen Fluten achtlos niederschießen,
Müßt' ihre Himmelsreinheit mich umfließen
Und tilgen meiner Seele Sündenqual.

Samstag, 18. April 2009

Argwohn des Größenwahnsinnigen


"[. . .] So wogt es in der Seele auf und ab. Was noch eben furchtbar drohend erschien, so lange draußen der Wind pfiff und Nervenermattung im Hirne Grillen erzeugte, erscheint im nächsten gefahrlos und gleichgültig. Ein gewisser unverzagter Trotz allen Gefahren und Unannehmlichkeiten gegenüber, verbunden mit vorhergehender doppelter Aufregung durch Phantasie-Vergrößerung des Drohenden, ist ein Merkmal bedeutender Geister. [. . .]
Seine Unvorsichtigkeit peinigte ihn scharf genug, indem sein Argwohn sich überall von Spähern umzingelt wähnte, die seine schwachen Seiten belauerten. Es scheint ein trauriges Erbtheil ungewöhnlicher Menschen, daß sie ohne direkt eitel zu sein, doch stets wähnen, die Welt interessire sich selbst aus Bosheit für ihre Person und erspähe daher ihre Schwächen. Aber die Welt kennt ihre eigenen kleinen Lächerlichkeiten und faßt den bedeutenden Menschen gar nicht als so exceptionell auf, wie er sich selber. Sie lacht daher über seine Thorheiten, wie sie über die eines beliebigen Andern lachen würde, so daß der Hauptstachel fortfällt: Sie mißt seine Thorheit gar nicht nach dem Maßstab seiner geistigen Bedeutung. Und wie leicht vergißt die Welt das Gute wie das Böse!"

Aus: Karl Bleibtreu (1859 – 1928): Größenwahn. Pathologischer Roman. Leipzig: Friedrich 1888.

Freitag, 17. April 2009

Gleichberechtigung im 17. Jahrhundert

Abwechselung

Wil der Herr, daß seine Frau ihre Magd ihm lege bey,
Muß er, daß der Knecht zur Frau möge krichen, stellen frey.
Friedrich von Logau (1605 – 1655)

Die Liebe

Wer in der Liebe lebt, ist bey Vernunfft doch toll;
Wer in der Liebe lebt, ist nüchtern dennoch voll.
Friedrich von Logau (1605 – 1655)

Kleinmütigkeit

Hoch kümmt schwerlich der, der doch
Wenig achtet, wann er hoch.
Friedrich von Logau (1605 – 1655)

Grabschrift eines Kleingläubigen

von Joseph Franz Ratschky (1757 – 1810)

Nach dem Französischen des Chevalier Parny.

Wien im April 1782.


Hier liegt ein Mann, der, als er lebte,
Stäts zwischen Glaubenszweifeln schwebte.
Er gieng, den Kopf von Skrupeln voll,
Aus dieser Welt, um von den Schaaren
Im Reich der Todten zu erfahren,
Was man im Leben glauben soll.

Der Geizhals

Aloys Blumauer (1755 – 1798)

Ein Geizhals fiel in einen Fluß, der tief
Und reissend war. Ein Fischer, der das Leben
Ihm retten wollte, sprang hinein und rief:
Er möchte nur die Hand ihm geben;
Allein der Geizhals sprach, indem er untersank:
Ich kann nichts geben, und ertrank.

Mittwoch, 15. April 2009

Freude des Geizes

Ich halte, daß der Geiz ein' solche Freude bringt,
Als wann der Durstige viel Salz mit Wasser trinkt.
Georg Philipp Harsdörffer (1607 – 1658)

Dienstag, 14. April 2009

Die Freuden

von Johann Wolfgang Goethe (1749 – 1832)

Es flattert um die Quelle
Die wechselnde Libelle,
Mich freut sie lange schon;
Bald dunkel und bald helle,
Wie der Chamäleon,
Bald rot, bald blau,
Bald blau, bald grün;
O daß ich in der Nähe
Doch ihre Farben sähe!

Sie schwirrt und schwebet, rastet nie!
Doch still, sie setzt sich an die Weiden.
Da hab ich sie! Da hab ich sie!
Und nun betracht ich sie genau
Und seh ein traurig dunkles Blau –

So geht es dir, Zergliedrer deiner Freuden!

Helfen Sie mit!


Herzlich willkommen!


Hier geht's zum Log-in:

Sinniges


"Es gibt Worte, die nie gesagt werden dürfen, sonst sterben sie ..." – Kurt Tucholsky

Sofort lesen!


"Wer ein Buch zusammenstellt mit hilfreicher Weisheit, erdacht von anderen Köpfen, leistet der Menschheit einen größeren Dienst als der Verfasser eines Epos' der Verzweiflung." – Ella Wheeler Wilcox (1850 – 1919)

2017 in 4. Auflage erschienen:


... mehr

2010 erschienen:


Lektüreempfehlung

2018 in 3. Auflage erschienen:


... mehr

IN MEMORIAM


♫ ♪ ♫ ♪ ♫ ♪ ♫ ♪ ♫

HELMUT ZEH

† 1. Juli 2005

♫ ♪ ♫ ♪ ♫ ♪ ♫ ♪ ♫

Archiv


Juni 2026
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
 
 
 
 
 
 
 
 

Haftungsausschluss


Ich übernehme keine Verantwortung und keine Haftung für die Inhalte der mit meiner Webseite verknüpften/verlinkten externen Webseiten.

Suche

 

Status


Online seit 7052 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 12. Nov, 12:53

Credits


Aphorismus
Aufgespießtes
Berlin
Bescheidenheit
Bücher
Dummheit
Eifersucht
Erste Saetze
Freundschaft
Frösche
Frühling
Galgenlieder
Geiz
Harz
Herbst
Katzen
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren