Wie teuer du eine schöne Illusion auch bezahltest, du hast doch einen guten Handel gemacht.Marie von Ebner-Eschenbach (1830 –1916)
Clarisse1 - 29. Nov, 10:10
Ein Gedicht o. T. von Christian Morgenstern (1871 – 1914)
Mich erfüllt Liebestoben zu dir!
Ich bin deinst,
als ob einst
wir vereinigst.
Sei du meinst!
Komm Liebchenstche zu mir –
Ich vergehste sonst
sehnsuchtsgepeinigst.
Achst, achst, schwachst schwachst arms Wortleinstche, was? – –
Genug denn, auch du, auch du mich liebstest.
Fühls, fühls ganzst ohne Worte: sei Meinstlein!
Ich sehne dich sprachlosestetst.
Clarisse1 - 28. Nov, 10:25
Vielwisser dürfen in dem Glauben leben, daß es bei der Tischlerarbeit auf die Gewinnung von Hobelspänen ankommt.Karl Kraus (1874 – 1936)
Clarisse1 - 27. Nov, 23:26
Ein guter Autor wird immer fürchten, daß das Publikum merke, welche Gedanken ihm zu spät eingefallen sind. Aber das Publikum ist darin viel nachsichtiger als man glaubt, und merkt auch die Gedanken nicht, die da sind.Karl Kraus (1874 – 1936)
Clarisse1 - 27. Nov, 09:39
von Georg Heym (1887 – 1912)
Die Menschen stehen vorwärts in den Straßen
Und sehen auf die großen Himmelszeichen,
Wo die Kometen mit den Feuernasen
um die gezackten Türme drohend schleichen.
Und alle Dächer sind voll Sternedeuter,
Die in den Himmel stecken große Röhren,
Und Zauberer, wachsend aus den Bodenlöchern,
Im Dunkel schräg, die ein Gestirn beschwören.
Selbstmörder gehen nachts in großen Horden,
Die suchen vor sich ihr verlornes Wesen,
Gebückt in Süd und West und Ost und Norden,
Den Staub zerfegend mit den Armen-Besen.
Sie sind wie Staub, der hält noch eine Weile.
Die Haare fallen schon auf ihren Wegen.
Sie springen, daß sie sterben, und in Eile,
Und sind mit totem Haupt im Feld gelegen,
Noch manchmal zappelnd. Und der Felder Tiere
Stehn um sie blind und stoßen mit dem Horne
In ihren Bauch. Sie strecken alle Viere,
Begraben unter Salbei und dem Dorne.
Die Meere aber stocken. In den Wogen
Die Schiffe hängen modernd und verdrossen,
Zerstreut, und keine Strömung wird gezogen,
Und aller Himmel Höfe sind verschlossen.
Die Bäume wechseln nicht die Zeiten
Und bleiben ewig tot in ihrem Ende,
Und über die verfallnen Wege spreiten
Sie hölzern ihre langen Finger-Hände.
Wer stirbt, der setzt sich auf, sich zu erheben,
Und eben hat er noch ein Wort gesprochen,
Auf einmal ist er fort. Wo ist sein Leben?
Und seine Augen sind wie Glas zerbrochen.
Schatten sind viele. Trübe und verborgen.
Und Träume, die an stummen Türen schleifen,
Und der erwacht, bedrückt vom Licht der Morgen,
Muß schweren Schlaf von grauen Lidern streifen.
Clarisse1 - 26. Nov, 11:12
von Johann Peter Hebel (1760 – 1826)
Man muß mit den Wölfen heulen. Das heißt: Wenn man zu unvernünftigen Leuten kommt, muß man auch unvernünftig tun, wie sie. Merke: Nein! Sondern erstlich, du sollst dich nicht unter die Wölfe mischen, sondern ihnen aus dem Wege gehn. Zweitens, wenn du ihnen nicht entweichen kannst, so sollst du sagen: "Ich bin ein Mensch und kein Wolf. Ich kann nicht so schön heulen, wie ihr." Drittens: Wenn du meinst, es sei nimmer anders von ihnen loszukommen, so will der Hausfreund erlauben, ein- und zweimal mitzubellen, aber du sollst nicht mit ihnen beißen, und andrer Leute Schafe fressen. Sonst kommt zuletzt der Jäger, und du wirst mit ihnen geschossen.
Clarisse1 - 25. Nov, 12:44
von Christian Morgenstern (1871 – 1914)
Dunkle Laubengänge
empfangen mich und der milchig bleiche
Mond und das taubenweiche
Hochgebirg und verflogne Violenklänge
von dem Stadtpark drunten, wo bunt Gedränge
auf und ab wandelt, das immer gleiche. –
Ich aber, eh ich den Lärm und Schwarm erreiche,
wandle erst noch durch orphische Traubengehänge,
wandre hügelabwärts, gehalten stürmend,
unter Cedern, Platanen, durch Tulpenrabatten,
im Gemüt demiurgische Quadern türmend:
Baustoff, vom Sternodem der Nacht durchgeistert,
und gemarmort von den silbernen Schatten
deiner Liebe, die mich noch immer meistert.
Clarisse1 - 21. Nov, 13:24
Der Hypochonder ist ein Mensch, der gerade genug Geist und Lust am Geiste besitzt, um seine Leiden, seinen Verlust, seine Fehler gründlich zu nehmen: aber sein Gebiet, auf dem er sich nährt, ist zu klein; er weidet es so ab, daß er endlich die einzelnen Hälmchen suchen muß. Dabei wird er endlich zum Neider und Geizhals – und dann erst ist er unausstehlich.Friedrich Nietzsche (1844 – 1900)
Clarisse1 - 20. Nov, 09:50
von Anonym [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]
Da sagen die Leute immer, der moderne Verkehr hebe alle Poesie auf. Das ist gar nicht wahr. Ich meine nicht die Romantik der Eisenbahnen, eines Bahnhofs bei Nacht und all der Dinge, in denen Gott Maschine eine beängstigende Rolle spielt. Nein, auch die Idylle ist noch nicht ausgestorben.
Ich stand vorn auf der Plattform eines Wagens der elektrischen Straßenbahn zu Berlin. Ich war mit dem Fahrer allein, – und wir sausen so die schnurgerade Straße herauf bis zur Haltestelle. Da stieg ein Mann auf, mit einem fröhlichen, roten Gesicht, blauen Augen, in ganz anständiger Kleidung. Wir fuhren weiter … "Na", sagte auf einmal der Mann zu dem Fahrer, "ick habe auch ma jefahren bei euch!" – Das durfte er aber gar nicht sagen, denn die Unterhaltung ist strengstens verboten. Er tats aber doch. Und der Fahrer überschritt seinerseits auch die Schweigevorschrift, drehte sich interessiert um und sprach: "So? – Wo denn?" Der andere nannte die Linie, und gleich begannen sie sich über die Einzelheiten des Dienstes zu unterhalten, über die strengen Vorgesetzten, über die Gewohnheiten, die Handgriffe des Personals, – und es hagelte Fachausdrücke und mir unverständliche Abkürzungen … Der Wind pfiff uns um die Ohren, – alles konnte ich nicht hören. Aber einmal, da leuchteten dem Zivilisten die Augen. Sie sprachen von der Schnelligkeit der verschiedenen Wagen. – Das hatte ich nun wieder nicht gewußt, daß nicht alle Wagen gleich schnell fahren. Nein, das taten sie nicht. "Mensch", sagte er, "wie fährt denn die Nummer 6734?" – Die Nummer wußte er auch noch! – "Das war ein Renner!" – Und von 6714 wußte er noch und von 6857 und 4532 – das waren die Wagennummern, die hatte er behalten! – Und als sie alle alten Erinnerungen ausgetauscht hatten, – da bat er den Kollegen: "Laß mich doch noch einmal fahren!" – Und weil er gar so bat, tat ders – obgleich er geflogen wäre, wenns herausgekommen wäre. Und stolz trat der Zivilist an den Führerstand und drehte die Kurbel und bremste und ließ den Wagen laufen, wie dunnemals, als er noch Fahrer war.
Clarisse1 - 18. Nov, 13:35
Meine Hilflosigkeit wächst mit der Vollendung des Geschriebenen. Je näher ich an das Wort herantrete, desto mehr blutet es wie der Leichnam vor dem Mörder. Dieses Bahrgericht erspare ich mir nicht, und bedecke die Ränder einer Korrektur, der fünfzehn sorglose voraufgegangen sein mögen, mit Zeichen, die wie Wundmale sind. Ich habe immer mindestens zwei Wege, und es wäre am besten, beide und alle zu gehen. Ich werde es wohl auch noch über mich bringen, den Satz in verschiedenen Fassungen hinzusetzen, zum Nutzen des Lesers, der so gezwungen wird, einen Satz einige Male zu lesen, und zur weitesten Entfernung von jenen, die nur nach der Meinung schnappen. Bis dahin muß ich die Verantwortung für den besten vor allen guten Wegen immer dem überlassen, den ich frage. Seine mechanische Entscheidung würde mir genügen, aber da ich ihm aus ähnlicher Lage viel besser helfen könnte als er mir, so mache ichs uns nicht so einfach und stürze ihn so tief in den Abgrund meiner Zweifel, daß ich an seinem Zustand sicher werde, ihn rette und so auch mich.Karl Kraus (1874 – 1936)
Clarisse1 - 16. Nov, 11:01
Einen Roman zu schreiben, mag ein reines Vergnügen sein. Nicht ohne Schwierigkeiten ist es bereits, einen Roman zu erleben. Aber einen Roman zu lesen, davor hüte ich mich, so gut es irgend geht. Karl Kraus (1874 – 1936)
Clarisse1 - 16. Nov, 02:32
Ein guter Psycholog ist imstande, dich ohneweiters in seine Lage zu versetzen.Karl Kraus (1874 – 1936)
Clarisse1 - 15. Nov, 13:08
Es hat noch niemand etwas Ordentliches geleistet, der nicht etwas Außerordenliches leisten wollte.Marie von Ebner-Eschenbach (1830 – 1916)
Clarisse1 - 14. Nov, 17:52
Die Irrsinnigen werden von den Psychiatern allemal daran erkannt, daß sie nach der Internierung ein aufgeregtes Benehmen zur Schau tragen.Karl Kraus (1874 – 1936)
Clarisse1 - 13. Nov, 09:25
Verbringe die Zeit nicht mit der Suche nach einem Hindernis. Vielleicht ist keines da.Franz Kafka (1883 – 1924)
Clarisse1 - 9. Nov, 11:09
von Christian Morgenstern (1871 – 1914)
Nebel hängt wie Rauch ums Haus,
drängt die Welt nach innen;
ohne Not geht niemand aus;
alles fällt in Sinnen.
Leiser wird die Hand, der Mund,
stiller die Geberde.
Heimlich, wie auf Meeresgrund
träumen Mensch und Erde.
Clarisse1 - 8. Nov, 12:16