Freitag, 21. Dezember 2007

Ohne Titel

von Heinrich Heine (1797 – 1856)

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

"Mein Fräulein! sei'n Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück."

Mittwoch, 19. Dezember 2007

Omelette surprise

Man sagt, der Autor habe einen Einfall in Worte gekleidet. Das kommt daher, daß das Schneidern eine seltenere Gabe ist als das Schreiben. Von jeder Sphäre bezieht man Worte, nur nicht von der literarischen. Was macht der Dichter aus den Worten? Bilder. Oder er bringt sie zu plastischer Wirkung. Wann aber sagt man einmal, es sei ein Gedicht, und hat das höchste gesagt? Wenn es ein Omelette surprise ist.Karl Kraus (1874 – 1936)

Sonntag, 16. Dezember 2007

Hochlandschweigen

von Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Stille, Stille . . . nur des Baches
fernes Rauschen in der Kluft
und des Abendwindes schwaches
Flügeln durch die helle Luft.

Wettertanne ruht und feiert.
Gipfelgold vergeistert sacht.
Und ein zart Gewölk entschleiert
zögernd das Gestirn der Nacht . . .

Samstag, 15. Dezember 2007

Verantwortung

Wir sind verantwortlich für das, was wir tun, aber auch für das, was wir nicht tun.Voltaire (1694 – 1778)

Freitag, 14. Dezember 2007

Bibliothek

von Achim von Arnim (1781 – 1831)

Da sitz ich nun so manchen Tag
Ganz müßig vor den Schränken,
Weil ich kein Buch mehr lesen mag,
Weil mich die Worte kränken.
Ich hör kein Wort von ihm und ihr,
Verschlossen ist die Kerkertür.

Ich sehe voll Bewundrung an
Dies schlechte Buch mit Schwänken
Wie einer sowas schreiben kann
Ich kanns nicht überdenken
Ich denk und schreib an ihn, an sie
Und beug zum Beten meine Knie.

Wie soll ich Ordnung bringen hier
In so viel tausend Bände,
Des Feuers Ungeduld in mir
Wirft Blicke hin wie Brände,
Es brennt in mir nach ihm nach ihr,
Verbrennen möcht ich alles hier!

Ich sprech wie jener Muselmann
Von den Bibliotheken.
Was gut, im Koran traf ich's an,
Das andre sind Scharteken:
Was ich nicht find in ihm, in ihr
Ist unwert das ich's registrier.

Mittwoch, 12. Dezember 2007

Leben ist aussuchen . . .

von Peter Panter [i. e. Kurt Tucholsky (1890 –1935)]

Leben ist aussuchen. Und man suche sich das aus, was einem erreichbar und adäquat ist, und an allem andern gehe man vorüber. Ließe man mich auf André Gide, auf Paul Claudel, auf Robert Musil los: das gäbe ein rechtschaffenes Unglück. Ich verstehe sie nicht; sie sagen mir nichts; ich weiß gar nicht, was ihre Schriften zu bedeuten haben. Ich habe mich bemüht: ich weiß es nicht. Ich spüre die geistige Potenz – das genügt aber nicht. Also habe ich zu schweigen, wenn von ihnen die Rede ist, und nicht etwa zu glauben, dadurch, daß ich eine Meinung über sie abgebe, hätte ich sie schon verdaut.
________________________
Aus: "Die Aussortierten" (1931)

Dienstag, 11. Dezember 2007

Die achte Todsünde

von Arno Holz (1863 – 1929)

Ein Dichter darf mit seinen Sachen,
Uns wüthend, darf uns rasend machen,
Wir stecken's schliesslich ruhig ein,
Wer wird denn immer: "Kreuzigt!" schrein?
Nur Eins wird man ihm nie verknusen,
Und gäb's statt neun selbst neunzig Musen:
Wenn er in Reimen wässrig thränt,
Indess sein armer Leser gähnt.
Drum, wer uns langweilt oder ledert,
Verdient, dass man ihn theert und federt!

Sonntag, 9. Dezember 2007

Furcht

Nicht die Gewalttätigkeit, nur die Schwäche macht mich fürchten.Karl Kraus (1874 – 1936)

Samstag, 8. Dezember 2007

Mit tausend Sinnen . . .

von Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Mit tausend Sinnen
abzugewinnen,
was jedes Raum- und Zeitatom enthält!

Der größte Finder
ist noch ein Blinder
in all dem Reichtum dieser Welt.

Donnerstag, 6. Dezember 2007

Pariser Weihnachten

von Peter Panter [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)] im Prager Tageblatt, 25.12.1927, Nr. 305, S. 4.

Der "Père Noël" wird merkwürdigerweise immer populärer – so ist das früher nicht gewesen. Denn früher war es der Neujahrstag, der "Jour de l'An", an dem man sich Geschenke machte. Wohl fanden am ersten Weihnachtstag die französischen Kinder Geschenke in ihren Schuhen, die sie am Kamin aufgebaut hatten – aber der Tannenbaum war natürlich nicht da, die Weihnachtskerzen auch nicht, und überhaupt nichts von dem, was seinerzeit auf deutscher Seite den großen Krieg mit beenden half: Weihnachten zu Hause zu feiern. (Doktorarbeit: "Das deutsche Familiengefühl in der Weltgeschichte.") Das also hat es alles in Frankreich früher nicht gegeben – aber jetzt ist da langsam eine Wandlung eingetreten. Die großen Warenhäuser veranstalten Weihnachtsausstellungen, deren Schaufenster schon auf den Straßen umlagert sind; Barrièren sind errichtet, Schutzleute regeln den Verkehr, und die Kinder bekommen Blitzaugen, in denen sich Geblendetheit, Habsucht und Zauberstimmung gar anmutig mischen. Es ist wohl der englisch-amerikanische Einfluß, der Paris so wandelt; langsam geht diese Wandlung vor sich, sachte, Schritt vor Schritt, unerbittlich. Es gibt französische Nachahmungen des englischen Christmas-Pudding, vor denen uns Gott behüten möge, und die Sitte, Weihnachten anders zu begehen als früher, nimmt zu. Da stehen schon Tannenbäume auf den Straßen, hauptsächlich im Fremdenviertel, also um die Madeleine herum – das Warenhaus am Louvre hat sich eine sehr gute Lichtreklame ausgedacht: an seiner Fassade am Palais Royal, in dem das "Institut pour la Coopération Intellectuelle" wohnt, steigen ununterbrochen Raketen auf und zerplatzen in bunter Lichterfülle – eine Sache, die sehr viel Geld gekostet haben muß. Aber es kommt wieder herein. Die Warenhäuser sind voll; die mäßig bezahlten Angestellten haben zu tun, daß ihnen der Kopf schwirrt, und obgleich die Inflations-Fremden abgewandert sind, gehen diese Art Geschäfte – im Gegensatz zu fast allen anderen, die recht still sind – gut, sogar sehr gut.
Die Restaurants rüsten zum "Réveillon". Das ist das traditionelle Festessen in der Silvesternacht. Zu Silvester liegen die Boulevards fast leer; alle Welt ist zu Hause oder in den Restaurants, wo das Essen besonders teuer und besonders mäßig ist. Da es kein französisches Wort für "gemütlich" gibt, so fehlt auch der Begriff – und es ist immer wieder merkwürdig, zu beobachten, wie sich um einen Tisch jene undefinierbare Atmosphäre herstellt, "où on s'installe", jeder Tisch eine kleine Heimat. "Réveillon" ist eine Sache, die ganz Paris für ein paar Stunden verändert – am 1. Januar sinkt es wieder in seine Gewohnheiten zurück; in die bewegte Stille seiner Quartiers, die kleine abgeteilte Städte sind – alles wird wieder so, als wäre nichts gewesen.
Doch, etwas war. Im ganzen Monat Dezember klingelt ein Mann nach dem anderen an der Wohnungstür, Köpfe von Frauen tauchen auf, Leute, die man das ganze Jahr über nicht zu Gesicht bekommt, sind plötzlich da. Sie bitten um die "étrennes", um das Weihnachtsgeld, um das Neujahrsgeld, wie man will. Der Briefträger. Die Zeitungsfrau. Die Bäckerjungen. Der Mann von der Müllabfuhr. Der Telegrafenbote. Der Drucksachen-Briefträger. Der eingeschriebene Briefträger. Der Postminister war merkwürdigerweise nicht da … Wohl aber: Seine Majestät, der Herr Hausmeister. Der Concierge. Frankreich ist ein freies Land, sagen die Leute. Das mag, für viele Gebiete, richtig sein. Daß sich aber eine Stadt wie Paris Tyrannei dieser Hausmeister gefallen läßt, ist etwas, das ich – auch nach jahrelangem Aufenthalt in dieser schönen Stadt – niemals begriffen habe. Er bittet nicht um die "étrennes" – er verlangt sie, traulich, auf die unsichtbare Pistole gelehnt, die jeder Mieter kennt. Denn jeder pariser Hausmeister ist ein Beobachter deines privaten Lebens. Er weiß alles. Durch ihn gehen alle Briefe. Er fängt deine Besuche ab. Er kann dich so maßlos schikanieren, daß es besser ist, du ziehst aus, als einen vergeblichen Krieg zu führen, den du unweigerlich verlierst. Und von seinen Beziehungen zur Polizei will ich gar nicht sprechen. Doch, ich will davon sprechen. Eine mir befreundete Engländerin fand in ihrem "dossier", in ihrem Aktenstück, das über alle Fremden und über alle wichtigen Franzosen auf der Polizei geführt wird, diese kleine Eintragung: "Empfängt viele Leute von Welt, schläft aber nur mit einem dekorierten Herrn …" folgte der Name. Für jeden Kenner war klar, woher diese Angabe stammte. Vom Hausmeister. Aus Glas sind deine Wände, dein Privatleben ist keines, er bringt es an den Tag. Hüte dich! Und gib ihm – und vor allem ihr – reichlich zu Weihnachten, zu Silvester und zu Neujahr. Es ist dein Vorteil; man kann nie wissen; hörst du die Butter auf deinem Kopf schmelzen?
Um all das kümmert sich die französische Provinz so gar nicht – wie ja überhaupt die französische Provinz von Paris himmelweit verschieden ist. Einer der bedeutendsten französischen Literaturkritiker, Thibaudet, hat neulich einmal gesagt: "In Paris wird das Geld ausgegeben. In der Provinz wird es verdient." Ah, es wird nicht nur verdient: es wird Billet auf Billet gelegt, Geiz ist das Nationallaster, und hier sehen die Leute nie nach dem aus, was sie wert sind. Man möchte ihnen häufig einen Groschen schenken. Aber sie, sie könnten dir etwas schenken. Sie tun es übrigens nicht.
Nun kommt Weihnachten; mit einer kühnen Sprachwendung sagt man: "Nous allons réveilloner!", und wer klug ist, kocht sich seins zu Hause. Wir wollen einen mild-spritzigen Vouvray trinken, einen Wein, den sie nicht exportieren, und in dem ganz Frankreich ist: milde Süße, Sonne und die Ausgeglichenheit einer fröhlichen Welt.

Mittwoch, 5. Dezember 2007

Heuchelei

Die Heuchelei kann alles, nur nicht Maß halten.Emanuel Wertheimer (1846 – 1916)

Dienstag, 4. Dezember 2007

Weisheit

von Peter Altenberg (1859 – 1919)

Wer das N i e d r i g e aus seinem Leben ausschließt, kann nicht w a c h s e n !
Als das blühende rosige Kindlein die Kröte, die jeden Morgen aus seinem Milchnapfe mit frühstückte, mit dem Löffelchen hart auf den Kopf tippte und die Kröte in Folge dessen ausblieb, begann das Kindlein bleich zu werden und siechte hin – – – !
Wer das N i e d r i g e aus seinem Leben ausschließt, kann nicht w a c h s e n !

Sonntag, 2. Dezember 2007

Ohne Titel

Eine Karikatur ist bloß immer einen Augenblick wahr.Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Samstag, 1. Dezember 2007

Ohne Titel

Schein hat mehr Buchstaben als Sein.Karl Kraus (1874 – 1936)

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"Es gibt Worte, die nie gesagt werden dürfen, sonst sterben sie ..." – Kurt Tucholsky

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HELMUT ZEH

† 1. Juli 2005

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