Montag, 7. Januar 2008

Gutes Buch . . .

In einem guten Buche stehen mehr Wahrheiten, als sein Verfasser hineinzuschreiben meinte.Marie von Ebner-Eschenbach (1830 – 1916)

Samstag, 5. Januar 2008

Aufgespießt XIX

Es gibt Leute, die meinen, alles wäre vernünftig, was man mit einem ernsthaften Gesicht tut.Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799)

Freitag, 4. Januar 2008

Heuchler

Es gibt Heuchler, die mit einer unehrlichen Gesinnung prahlen, um unter solchem Schein sie zu besitzen.Karl Kraus (1874 – 1936)

Donnerstag, 3. Januar 2008

Sprache ein Kunstwerk

von Arthur Schopenhauer (1788 – 1860)

Die Sprache ist ein Kunstwerk und soll als ein solches, also objektiv genommen werden, und demgemäß soll alles in ihr Ausgedrückte regelrecht und seiner Absicht entsprechend sein, und in jedem Satz muß das, was er besagen soll, wirklich nachzuweisen sein, als objektiv darin liegend: nicht aber soll man die Sprache bloß subjektiv nehmen und sich notdürftig ausdrücken, in der Hoffnung, der andere werde wohl erraten, was man meine; wie es die machen, welche den Casum gar nicht bezeichnen, alle Präterita durch das Imperfekt ausdrücken, die Präfixa weglassen, usw. Welch ein Abstand ist doch zwischen denen, die einst die Tempora und Modi der Verba und die Casus der Substantiva und Adjektiva erfunden und gesondert haben – und jenen Elenden, die dies alles zum Fenster hinauswerfen möchten, um, sich so ungefähr ausdrückend, einen ihnen angemessenen Hottentottenjargon übrigzubehalten! Es sind die feilen Tintenkleckser der jetzigen an allem Geist bankrotten Literaturperiode.
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Aus: Ueber Schriftstellerei und Stil. In: Parerga und Paralipomena II, § 289a

Sprache kein Kunstwerk

von Fritz Mauthner (1849 – 1923)

Man hat die Sprache so oft ein bewunderungswürdiges Kunstwerk genannt, dass die meisten Menschen diese schwebende Nebelmase in einem verfliessenden Begriffe wirklich für ein Kunstwerk halten. Nur dass der eine dieselbe Bildung für eine Wiesenfläche, der zweite sie für einen alten Tempel und der dritte sie für das Porträt seiner Tante hält.
Ein Kunstwerk kann die Sprache schon darum nicht sein, weil sie nicht die Schöpfung eines Einzigen ist. Ich kann es mir wohl denken, dass die Menschheit wortlos und begrifflos jahrhundertelang dahin gelebt hätte, zweifellos und lügenlos wie die Tierwelt, und dann einmal plötzlich ein Riesenmensch entstanden wäre, ein Klaftermensch unter Ellenmenschen. Und der wäre ein Dichter gewesen. Er hätte sich, er für sich ganz allein, als ob er in einem Donner die Spannung hätte entladen wollen, die Sprache ersehnt, erfunden und ausgebaut. Das wäre dann ein Kunstwerk geworden. Das Werk Eines. Aber auch ein Monolog. Die Ellenmenschen hätte ihn nicht verstanden. Die Sprache aus dem Donnerbedürfnis hätte ein Kunstwerk werden können. Die Sprache aus dem gemeinen Mitteilungstrieb ist schlechte Fabrikarbeit, zusammengestoppelt von Milliarden von Tagelöhnern.
Wie aber die Sprache kein Kunstwerk sein kann, weil nicht ein Einziger sie geschaffen hat, so ist sie auch kein Kunstwerk, weil sie nicht gemacht ist für das grosse Bedürfnis der Klaftermenschen, sondern für die kleinen Bedürfnisse aller. [...]
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Aus: Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Erster Band: Sprache und Psychologie. Stuttgart: J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger 1901, S. 25f.

Aber die Manie ist universal:

von Arthur Schopenhauer (1788 – 1860)

[...] Alles greift zu, die Sprache zu demoliren, ohne Gnade und Schonung; ja, wie bei einem Vogelschießen, sucht jeder ein Stück abzulösen, wo und wie er nur kann. Also zu einer Zeit, da in Deutschland nicht ein einziger Schriftsteller lebt, dessen Werke sich Dauer versprechen dürfen, erlauben sich Bücherfabrikanten, Litteraten und Zeitungsschreiber die Sprache reformiren zu wollen, und so sehn wir denn dieses gegenwärtige, bei aller Langbärtigkeit, impotente, d.h. zu jeder Geistesproduktion höherer Art unfähige, Geschlecht, seine Muße dazu verwenden, die Sprache, in welcher große Schriftsteller geschrieben haben, auf die muthwilligste und unverschämteste Weise zu verstümmeln, um so sich ein Herostratisches Andenken zu stiften. Wenn ehemals wohl die Koryphäen der Litteratur sich, im Einzelnen, eine wohlüberlegte Sprachverbesserung erlaubten; so hält sich jetzt jeder Tintenklexer, jeder Zeitungsschreiber, jeder Herausgeber eines ästhetischen Winkelblattes befugt, seine Tatzen an die Sprache zu legen, um nach seinem Kaprice herauszureißen was ihm nicht gefallt, oder auch neue Worte einzusetzen. [...]
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Aus: Ueber Schriftstellerei und Stil. In: Parerga und Paralipomena II, § 283.

Mittwoch, 2. Januar 2008

"Tagelöhner"

Eine große Menge schlechter Schriftsteller lebt allein von der Narrheit des Publikums, nichts lesen zu wollen, als was heute gedruckt ist – die Journalisten. Treffend benannt! Verdeutscht würde es heißen "Tagelöhner".Arthur Schopenhauer (1788 – 1860)

Dienstag, 1. Januar 2008

Unterwegs und wieder daheim

von Theodor Fontane (1819 – 1898)

3.

Und wieder hier draußen ein neues Jahr –
Was werden die Tage bringen?!
Wird's werden, wie es immer war,
Halb scheitern, halb gelingen?

Wird's fördern das, worauf ich gebaut,
Oder vollends es verderben?
Gleichviel, was es im Kessel braut,
Nur wünsch' ich nicht zu sterben.

Ich möchte noch wieder im Vaterland
Die Gläser klingen lassen
Und wieder noch des Freundes Hand
Im Einverständnis fassen.

Ich möchte noch wirken und schaffen und tun
Und atmen eine Weile,
Denn um im Grabe auszuruhn,
Hat's nimmer Not noch Eile.

Ich möchte leben, bis all dies Glühn
Rückläßt einen leuchtenden Funken
Und nicht vergeht wie die Flamm' im Kamin,
Die eben zu Asche gesunken.

Aus dem Silvestertraum gesprochen

von Karl Kraus (1874 – 1936)

[. . .] Wenn man seinem eigenen G e f ä n g n i s entspringt, zu Silvester geschieht es risikolos, am nächsten Tag wird man w i e d e r
e i n g e f a n g e n und in die Z e l l e seiner Lebensgewohnheiten gesperrt.
_________________________________________
Aus: "Die Fackel" Nr. 751–756, Februar 1927, S. 112

Was würden Sie tun,

wenn Sie das neue Jahr regieren könnten?
von Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)

Ich würde vor Aufregung wahrscheinlich
Die ersten Nächte schlaflos verbringen
Und darauf tagelang ängstlich und kleinlich
Ganz dumme, selbstsüchtige Pläne schwingen.

Dann – hoffentlich – aber laut lachen
Und endlich den lieben Gott abends leise
Bitten, doch wieder nach seiner Weise
Das neue Jahr göttlich selber zu machen.

Neujahrsseufzer eines Studenten

von Christian Friedrich Daniel Schubart (1739 – 1791)

O Himmel! höre mein Gebet,
Das aus der Seele zu dir fleht,
Und gib mir in der neuen Zeit
Jerusalems Beredsamkeit;
Die Sprachen aus dem Orient,
Wie sie ein Michaelis kennt;
Latein und Griechisch, weiter nicht,
Wie Heyne und Ernesti spricht;
Französisch, Englisch, Wälsch – nur so,
Wie Voltaire, Hume und Metastasio;
Mach mich zu einem Antiquar,
Wie einstens Winckelmann es war;
Zum Schönen gib mir ein Gesicht,
Wie Mengs und Füeßli, weiter nicht!
Der Weisheit populären Ton
Gib mir von Kant und Mendelssohn,
Geschichte nur so obenhin,
Wie Gatterer und Häberlin;
Geographie wie Büsching nur,
Und Hallers Kenntniß der Natur.
Musik begehr' ich nicht zuviel,
Nur Bachs und Lollis Saitenspiel;
Und Klopstocks ziemliches Genie
Zu einem bischen Poesie –
Und endlich – Hm! – zum Zeitvertreib
Wielands Musarion zum Weib!

Ins neue Jahr

von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 – 1874)

So singen wir, so trinken wir
Uns froh hinein ins neue Jahr.
Die Hoffnung wartet unser dort,
Sie sprach: "Kommt mit! ich ziehe fort
Ins neue Jahr."

So singen wir, so trinken wir
Uns froh hinein ins neue Jahr.
Drum, wer's nicht froh beginnen kann,
Der fang es lieber gar nicht an,
Das neue Jahr!

Neujahr

von Achim von Arnim (1781 – 1831)

Altes Jahr, du ruhst in Frieden,
Deine Augen sind geschlossen;
Bist von uns so still geschieden
Hin zu himmlischen Genossen,
Und die neuen Jahre kommen,
Werden auch wie du vergehen,
Bis wir alle aufgenommen
Uns im letzten wiedersehen.
Wenn dies letzte angefangen,
Deutet sich dies Neujahrgrüßen,
Denn erkannt ist dies Verlangen,
Nach dem Wiedersehn und Küssen.

Montag, 31. Dezember 2007

Réveillon

von Peter Panter [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]

[...] Die Restaurants rüsten zum "Réveillon". Das ist das traditionelle Festessen in der Silvesternacht. Zu Silvester liegen die Boulevards fast leer; alle Welt ist zu Hause oder in den Restaurants, wo das Essen besonders teuer und besonders mäßig ist. Da es kein französisches Wort für "gemütlich" gibt, so fehlt auch der Begriff – und es ist immer wieder merkwürdig, zu beobachten, wie sich um einen Tisch jene undefinierbare Atmosphäre herstellt, "où on s'installe", jeder Tisch eine kleine Heimat. "Réveillon" ist eine Sache, die ganz Paris für ein paar Stunden verändert – am 1. Januar sinkt es wieder in seine Gewohnheiten zurück; in die bewegte Stille seiner Quartiers, die kleine abgeteilte Städte sind – alles wird wieder so, als wäre nichts gewesen. [...]
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Aus: "Pariser Weihnachten" im Prager Tageblatt vom 25.12.1927, Nr. 305, S. 4

Sonntag, 30. Dezember 2007

Silvester

von Theobald Tiger [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]

Was fange ich Silvester an?
Geh ich in Frack und meinen kessen
blausanen Strümpfen zu dem Essen,
das Herr Generaldirektor gibt?
Wo man heut nur beim Tanzen schiebt?
Die Hausfrau dehnt sich wild im Sessel –
der Hausherr tut das sonst bei Dressel –,
das junge Volk verdrückt sich bald.
Der Sekt ist warm. Der Kaffee kalt –
Prost Neujahr!
Ach, ich armer Mann!
Was fange ich Silvester an?

Wälz ich mich im Familienschoße?
Erst gibt es Hecht mit süßer Sauce,
dann gibts Gelee. Dann gibt es Krach.
Der greise Manne selbst wird schwach.
Aufsteigen üble Knatschgerüche.
Der Hans knutscht Minna in der Küche.
Um zwölf steht Rührung auf der Uhr.
Die Bowle –! ('Leichter Mosel' nur –).
Prost Neujahr!
Ach, ich armer Mann!
Was fange ich Silvester an?

Mach ich ins Amüsiervergnügen?
Drück ich mich in den Stadtbahnzügen?
Schrei ich in einer schwulen Bar:
"Huch, Schneeballblüte! Prost Neujahr –!"
Geh ich zur Firma Sklarz Geschwister –
(Nein, nein – ich bin ja kein Minister!)
Bleigießen? Ists ein Fladen klein:
Dies wird wohl Deutschlands Zukunft
sein . . .
Prost Neujahr!
Helft mir armem Mann!
Was fang ich bloß Silvester an –?

(Einladungen dankend verbeten.)
___________________________
Aus: "Die Weltbühne", 30.12.1920

Samstag, 29. Dezember 2007

Was unternehme ich Silvester?

von Peter Panter [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]

Soll ich zu Kallmanns gehen? Die zünden ihren Tannenbaum an, drehen das Grammophon auf, das ihnen 'Stille Nacht, heilige Nacht' vorkratzt, die Kinder lagern sich mit den Torsos ihrer Spielsachen auf den guten Teppich, und Vater raucht die neue Pfeife an. Mutter Kallmann spricht mit mir über die Dienstbotenmisere, und ich sage: "Jawohl, gnädige Frau! . . . Gewiß, gnädige Frau! . . . Denken Sie nur, gnädige Frau!" Das andre sagt sie. Ich werde doch lieber nicht zu Kallmanns gehen.
Soll ich zu meiner Freundin mit der schönen Seele und den dicken Beinen gehen? Sie wird feuchte, große Augen machen und mich mit Erinnerungen plagen. Sie wird feierlich gestimmt sein, was ihr gar nicht steht, und wird hochzeremoniös – auch sie – den Weihnachtsbaum entzünden und sagen: "Lieber Peter . . . " Bu. Ich werde doch lieber nicht zu meiner schönen Seele gehen.
Soll ich auf einen öffentlichen Ball gehen? Da werden sich zweitausend Menschen in Räumen drängen, die nur für zweihundert berechnet sind. Kellner werden sich den Sacharinsekt zu Valutapreisen aus den Händen schlagen lassen, und irgendwo im Wirbel und Rauch lärmt eine Kapelle. In der Mitte tun ein paar Leute so, als ob sie tanzten. Es sind alle da: man zeigt sich die Herren aus der Wilhelmstraße, Kino-Namen werden geflüstert, und die Bühne hat ihre besten Vertreter . . . auch die Wissenschaft . . . Nur die Kokotten benehmen sich anständig. Wer wird auch Silvester fachsimpeln, wenn mans das ganze Jahr tun muß . . . ! Die Luft wird stickig und verbraucht sein, die Scherze auch. Nein – ich werde doch lieber nicht auf einen öffentlichen Ball gehen.
Soll ich auf einen privaten Ball gehen? (Oho! Ich bin eingeladen!) Die Zimmer werden ausgeräumt sein, die Lampen blau und lila umkleidet. Es wird Sekt geben und kleine Brötchen. Am Klavier ein Mann und eine Geige. Es wird viel und hingebend getanzt. Auf dem Teppich und auf den Sofas knautschen sich die Paare, so, als ob es auf der ganzen weiten Welt kein Bett gäbe. Nur die festen Verhältnisse benehmen sich anständig. (Man soll nichts verreden.) Die Tochter vom Haus wird alle Minen ihres goldenen Temperaments springen lassen – sie findet es so furchtbar interessant, das alte Wort zu variieren: Immer davon sprechen, aber es nie tun! Die jungen Herren werden sich bei den jungen Damen alle Freiheiten erlauben, weil sie nichts kosten. Auch Hessen-Nassau ist eine Provinz. Nein, ich werde doch lieber nicht auf einen privaten Ball gehen.
Also: was dann –? Ich schlage vor, wir füllen die kleine blaue Blumenvase wie gewöhnlich mit roten Blumen und trinken einen stillen roten Wein. Vielleicht erwachst du nachts so gegen zwölf. Ich werde dir dann sagen: "Liebe – ich glaube, jetzt muß ich mir einen Zylinder aufsetzen und du schlägst ihn ein. Das ist so Sitte." Und darauf du: "Ich bin so müde. Gute Nacht."
Und wenn du morgen früh aufwachst, ist es – wetten, daß? – 1922, und ich küsse dir das neue Jahr aus den Augen. Und da es ein alter Aberglaube ist, daß man das ganze Jahr hindurch tun wird, was man Silvester tut, so eröffnen sich für uns freundliche und wahrhaft erfrischende Perspektiven. Prosit Neujahr!
______________________________
Aus: "Die Weltbühne" vom 29.12.1921

Freitag, 28. Dezember 2007

Bücher lesen . . .

Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben über die Sterne.Jean Paul (1763 – 1825)

Donnerstag, 27. Dezember 2007

Silvester

von Kaspar Hauser [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]

So viel Tage zerronnen,
so viel Monate fliehn;
stets etwas Neues begonnen,
dorrt es unter der Sonnen . . .
Hexenkessel Berlin!

Ich, der Kalendermacher,
blick nachdenklich zurück.
Mal ein Hieb auf den Schacher,
mal auf den Richter ein Lacher –
Aber wo blieb das Glück?

Schau, sie sind kaum zu belehren.
Denken nur merkantil.
Halten den Dollar in Ehren,
können ihn nicht entbehren –:
Liebliches Börsenspiel.

Mädchen – euch halten die Schieber!
Denn sie sind obenauf.
Geist –? Es ist euch viel lieber
Lack und Erfolg und Biber –
Das ist der Welten Lauf.

Nur mit dem Armband bekleidet
wandelt Melpomene.
Börsenfaun, er entscheidet,
woran die Loge sich weidet –:
kugeliges Dekolleté.

Wie verbring ich Silvester?
Gib mir dein blondes Haar.
Fasse die Arme mir fester,
gib dich, du liebliche Schwester –
woll aus deinen Händen
Nacht und Entzücken mir spenden
und ein besseres, anderes Jahr!
______________________________
Aus: "Die Weltbühne" vom 25.12.1919

Dienstag, 25. Dezember 2007

Weihnachtsbitte

von Kurt Tucholsky (1890 – 1935)

Der Berliner und insbesondere die Berlinerin 'kommt' bekanntlich 'zu nichts', und dem mag denn wohl auch zuzuschreiben sein, daß so viele Leute Wohltätigkeit üben möchten und so wenige es tun. Sie 'kommen nicht dazu'. Und dann – wie fängt man das an? An wen soll man schicken? Und was? Und das Mädchen hat so viel zu tun – und soll nun auch Pakete schnüren, und es dauert so lange, Postanweisungen aufzugeben . . . Und inzwischen frieren und hungern die andern.
Es ist also nicht immer Phantasielosigkeit daran schuld, daß einer nichts gibt. (Obgleich viele Leute mehr Gutes täten, wenn sie sich nur recht intensiv vorstellten, was das ist: hungern – und was das ist: frieren.) Es mag auch Mangel an Zeit schuld sein.
Ich bitte nun die unter meinen Lesern, die im Laufe des Jahres ein bißchen Unterhaltung, Anregung oder Freude an den kleinen Glossen gehabt haben, die ich hier veröffentlichen durfte, mir einen Weihnachtswunsch zu erfüllen.
Dem Städtischen Asyl für Obdachlose geht es mit seinen Mitteln nicht zum besten. Die Leute brauchen Kleider, Decken, Nahrungsmittel und vor allem Geld. Adresse: Berlin N C 55, Fröbelstraße 15.
In der Prinzregentenstraße 23 zu Wilmersdorf lebt eine blinde Frau, Betty Wassermann, eine ehemalige Tänzerin, die bei einem Versuch des Doppelselbstmords durch einen Schuß ihr Augenlicht eingebüßt
hat. Sie ist von einem Tag zum andern auf das angewiesen, was ihr fremde Menschen ins Haus schicken.
Die Gefangenen auf der Festung Niederschönenfeld sind hilf- und wehrlos der bayerischen Verwaltung ausgeliefert. Während sich Jagow 'entfernte, um von der Haft verschont zu bleiben', leiden diese armen Menschen wie die Tiere. Sie möchten Tabak haben, Süßigkeiten, unpolitische Bücher; für den, der das grade nicht im Hause hat, wird eine Geldsendung am richtigsten sein. Man kann an Ernst Toller oder Erich Mühsam, Festung Niederschönenfeld bei Rain am Lech in Bayern, adressieren.
Es ist Geschmackssache, wem man so eine Weihnachtsgabe schickt, und was man schickt.
Ich bitte jeden einzelnen, nach Lust und Können an diese Adressen oder – wenn er bessere weiß – an andre was zu Weihnachten zu schicken. Man sollte die Trägheit des Herzens überwinden. Es summiert sich ja doch.
Wer sich mit der Formalität dieser Sendungen nicht abgeben mag, der überweise eine Summe dem Postscheckkonto der 'Weltbühne' Berlin 11958. Wir werden das Geld unter diese drei Empfängergruppen verteilen und auf Wunsch öffentlich quittieren. Ich habe einen kleinen Anfang gemacht und der 'Weltbühne' eine Summe Geldes zur Verfügung gestellt.
Meine Bitte: folgt nach!
______________________________
Aus: "Die Weltbühne" vom 15.12.1921

Montag, 24. Dezember 2007

Schnipsel

Manchmal haben wir in Deutschland eine sogenannte 'politische Krise'. Wenn sie vor Weihnachten ausbricht, wird sie bis nach Weihnachten vertagt. Kein Mensch merkt in der Zwischenzeit, daß es eine Krise gibt. Man denke sich einen Fieberkranken, der zu seinem Arzt sagt: "Wissen Sie was, Doktor, morgen habe ich Geburtstag. Vertagen wir die Krise bis zur nächsten Woche!"Peter Panter [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]

Samstag, 22. Dezember 2007

Die Musik kommt

von Theobald Tiger [ i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]

Nun zwängt, die sonst Musik die Töchter lehrte,
sich ins Schwarzseidene mit dem Krachkorsett;
und daß man Haydn, Bach und Koschat ehrte,
beweist man durch Gesang und am Spinett.

Nun schlagen wieder löwenmähnige Meister
mit ihren Pranken auf die Flügel ein,
und fiedelt jemand Violin, dann heißt er
Mischka und soll erst sieben Jahre sein.

Du siehst mich lächelnd an, Eleonore –
auch du, Geliebte, seist ein Singtalent?
Doch jach entfleucht durch meinem rechten Ohre,
was dein Sopran mir in das linke flennt.

Ach ja, der Herbst! Die Blätter werden gelber,
und jedes Mädchen kriegt ein hohes C,
und auch der Muhsikpädagoge selber
stund auf und tremolieretee . . .

Du Stadt der Lieder, bist du nicht verwundert?
So jedes Jahr hast du um den Advent
Musikkonzerte Stücker achtzehnhundert –
doch mit Gewinn: nur sechseinhalb Prozent.
_______________________________
Aus: "Die Schaubühne" vom 9.10.1913

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"Es gibt Worte, die nie gesagt werden dürfen, sonst sterben sie ..." – Kurt Tucholsky

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2017 in 4. Auflage erschienen:


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IN MEMORIAM


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HELMUT ZEH

† 1. Juli 2005

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