Wieviel Autoren gibts wohl unter den Schriftstellern? Autor heißt Urheber.Friedrich Schlegel (1772 – 1829)
Clarisse1 - 24. Jan, 15:01
Freundschaft ist partiale Ehe und Liebe ist Freundschaft von allen Seiten und nach allen Richtungen, universelle Freundschaft. Das Bewußtsein der notwendigen Grenzen ist das Unentbehrlichste und das Seltenste in der Freundschaft.Ludwig Börne (1736 – 1837)
Clarisse1 - 24. Jan, 10:35
Es ist leicht den Haß, schwer die Liebe, am schwersten Gleichgültigkeit zu verbergen.Ludwig Börne (1786 – 1837)
Clarisse1 - 23. Jan, 10:26
Jede Stunde, dem Hasse vergeudet, ist eine Ewigkeit, der Liebe entzogen.Ludwig Börne (1786 – 1837)
Clarisse1 - 23. Jan, 09:21
von Christian Morgenstern (1871 – 1914)
Laßt bei diesem Kot und Stroh
es nunmehr bewenden,
müßt nicht euer Bestes so
leichten Sinns verschwenden!
Clarisse1 - 22. Jan, 22:09
von Arno Holz (1863 – 1929)
Ja, diese Welt starrt voller Klippen,
Ein Jeder sehe, wie er's treibt;
Denn glattrasirt wie eure Lippen,
Sind auch die Worte, die ihr schreibt!
Auch seid ihr durch und durch »aesthetisch«
Und fast so prüde wie John Bull,
Und so beweist ihr arithmetisch,
Dass mein Talent so gut wie Null.
O, wühlt nur um mit euern Poten,
Den alten Philologenjux –
Die Nachtigall singt nicht nach Noten,
Sie singt, wie ihr der Schnabel wuchs!
Clarisse1 - 22. Jan, 18:44
von Franz Grillparzer (1791 – 1872)
Die Dichtkunst, sagt man oft und sagt es laut,
Sie sei ein Bild und Spiegel dieses Lebens:
Drum, wenn ein Affe in das Dichtwerk schaut,
Hofft er auf einen Sokrates vergebens.
Clarisse1 - 22. Jan, 18:11
von Karl Henckell (1864 – 1929)
Was der Kritik Hauptmängel sind?
Daß Kritiker öfters Bengel sind,
Literarische Ladenschwengel sind,
Die, unfähig, Spreu vom Weizen zu sichten,
Auf der Tenne nur ihre Notdurft verrichten.
Clarisse1 - 21. Jan, 10:42
von Louise Aston (1814 – 1871)
Kann ich lindern dieses Sehnen,
Das mich träumend Dir vereint?
Dir verhaßt sind diese Thränen,
Die der blasse Kummer weint;
Die ein Opfer des Geschickes
Weint am Grab entschwund'nen Glückes! –
"Ihre Todten zu begraben,
Laß' die Todten sich bemüh'n!
Doch des Lebens reichste Gaben
Mögen den Lebend'gen blüh'n.
Ewig soll's im Herzen lenzen,
Neue Triebe, neue Kraft!
Und mit frischen Blüthenkränzen
Schmücke sich die Leidenschaft!
Was im Sturm der Zeit verloren,
Sei verjüngt und neugeboren!
Wenn der Sonne Glanz versunken,
Wenn verglüht des Tages Pracht;
Steige auf, von Wonne trunken,
Gluterfüllte Liebesnacht!" –
Und doch rührt mich frisches Leben
Nicht mit seinem Zauberstab.
Träumende Gedanken schweben
Um entschwund'ner Zeiten Grab;
Und es grüßt die bange Klage
Abendroth versunk'ner Tage.
Will ich kräftig mich ermannen,
Fliehen der Erinn'rung Fluch;
Fehlt, die Geister fortzubannen,
Mir der mächt'ge Zauberspruch!
Schau' umher ich tiefbekümmert,
Alles wird zur Elegie;
Und im Innersten zertrümmert
Ist der Seele Harmonie;
Klagend in Erinnerungen,
Eine Glocke, die gesprungen!
Wer dem machterfüllten Beben
Ihrer Töne einst gelauscht;
Hört, wie jetzt zerriss'nes Leben
In gebroch'nen Klängen rauscht.
Schöne Tage, kehret wieder!
Bringt das Herrliche zurück!
Seiner Freiheit wilde Lieder;
Seiner Liebe mildes Glück!
Ja, vergessen war mein Dulden,
Und vergeben mein Verschulden!
Deiner Lehre treuer Jünger
Weint' ich keinem Glücke nach,
Denn ein neuer Freudenbringer
Stieg empor der neue Tag.
Sprach'st Du mir von Männerwürde,
Von der Freiheit Herrlichkeit,
Warf ich eig'ner Sorgen Bürde
In das weite Meer der Zeit.
Eine Schranke muß ja fallen,
Und ein Morgen tagt uns allen!
Wenn den unterdrückten Knechten
Erst der Freiheit Sonne scheint;
Wird das Weib mit gleichen Rechten
Einst dem freien Mann vereint.
Nimmer lausch' ich mehr dem Worte,
Das mein Innerstes durchklang;
Pochend an der Zukunft Pforte
In der Jugend Thatendrang,
Raubend von des Himmels Heerde
Licht und Feuer für die Erde.
Solcher Liebe heißes Werben
Wurde rasch des Friedens Grab;
Und in seliges Verderben
Stürzt' ich freudig mich hinab. –
Kann ich lindern dieses Sehnen,
Das mich träumend Dir vereint?
Dir verhaßt sind diese Thränen,
Die der blasse Kummer weint!
Wohl! so will ich schmerzhaft ringen,
Finst're Trauer zu bezwingen: –
"Ihre Todten zu begraben,
Laß die Todten sich bemüh'n;
Doch des Lebens reichste Gaben
Mögen den Lebend'gen blüh'n!"
Aus: Wilde Rosen (1846)
Clarisse1 - 20. Jan, 15:44
von Hugo Ball (1886 – 1927)
Ich bin der große Gaukler Vauvert.
In hundert Flammen lauf ich einher.
Ich knie vor den Altären aus Sand,
Violette Sterne trägt mein Gewand.
Aus meinem Mund geht die Zeit hervor,
Die Menschen umfaß ich mit Auge und Ohr.
Ich bin aus dem Abgrund der falsche Prophet,
Der hinter den Rädern der Sonne steht.
Aus dem Meere, beschworen von dunkler Trompete,
Flieg ich im Dunste der Lügengebete.
Das Tympanum schlag ich mit großem Schall.
Ich hüte die Leichen im Wasserfall.
Ich bin der Geheimnisse lächelnder Ketzer,
Ein Buchstabenkönig und Alleszerschwätzer.
Hysteria clemens hab ich besungen
In jeder Gestalt ihrer Ausschweifungen.
Ein Spötter, ein Dichter, ein Literat
Streu ich der Worte verfängliche Saat.
Clarisse1 - 20. Jan, 11:41
von Otto Julius Bierbaum (1865 – 1910)
1.
Die Sittlinge müssen sich immer genieren,
Wenn Einer recht herzhaft von Liebe spricht.
Sie denken halt immer ans "Amüsieren",
An des Rätsels Heiligkeit denken sie nicht.
2.
Natur, mein Freund, ist immer sittlich.
Der Staatsanwalt freilich ist unerbittlich.
Jüngst hat er ein Andachtsbuch konfisziert,
Weil sich zwei Fliegen drauf kopuliert.
Aus: Irrgarten der Liebe.
Clarisse1 - 19. Jan, 17:54
von Klabund [i. e. Alfred Henschke (1890 – 1928)]
Auch in unserer Stadt mußte ein Literaturverein gegründet werden. Es war sozusagen ein Bedürfnis vorhanden. Bedürfnisse sind dazu da, um befriedigt zu werden. Viehzüchter Schlampke hielt in der vorbereitenden Versammlung eine Rede, in der er in eindringlicher Weise auf die Notwendigkeit einer literarischen Bildung hinwies. Nur mit Hilfe von Goethe kann unserm Volke sein derzeitiger Viehbestand erhalten bleiben. Lautes Bravo lohnte seine löblichen und sachgemäßen Ausführungen. Parkettbodenlegemeister Robbe schloß sich den interessanten Darlegungen des geschätzten Vorredners voll und ganz an. Er erlaubte sich nur, in kurzen, markigen Worten auf die Beziehungen zwischen Bohnerwichse, die er in den vortrefflichen Qualitäten A, B, C, zu 30, 50, 70 Pf. die Büchse, stets frisch auf Lager halte, und der einschlägigen schöngeistigen Literatur, insonders der sogenannten lyrischen und gereimten Poesie hinzuweisen. Er schloß mit einem kleinen selbstverfertigten Verschen:
Es lebe hoch die Literatur –
Jedoch mit Bohnerwichse nur!
welches beifällig aufgenommen wurde. Darauf schritt man einstimmig zur Gründungsversammlung und zur Festlegung der Statuten. Zum Ersten Vorsitzenden wurde Strumpfstricker Schaulke, zum Vizepräsidenten Oberlehrer Dr. Hartwurst, zum Kassierer Ortsarmer Brötchen gewählt. Ziel des gerichtsamtlich eingetragenen Vereines "Literaria" war die Kenntnis der höheren Literatur a) unter seinen Mitgliedern, b) unter dem Volke zu fördern und zu verbreiten. Dieses sollte geschehen durch Abonnement auf eine Lesemappe bei Buchhändler Kletzke, dem geschätzten Mitglied des Vereins, durch Vortragsabende, Autorenabende und sonstige festliche Veranstaltungen. Am 4. Mai fand unter großem Gepränge die Fahnenweihe der "Literaria" statt, die ein Umzug durch die Stadt eröffnete. Das Posaunenkorps der Stadtkapelle marschierte schallend an der Spitze. Ihm folgte im Frack und blauer Radfahrermütze, einen Band Schiller der großen illustrierten Ausgabe unterm Arm, Präsident Schaulke. Rechts von ihm schritt Dr. Hartwurst, das Bild Hindenburgs, des Dichters der großen Zeit, welcher mit Eisen schrieb, in Postkartenformat unter Glas und Rahmen. Links von Schaulke wankte mit einer Sparbüchse in Form eines Tintenfasses raschelnd, der Kassierer, Ortsarmer Brötchen. Hinter dem Vorstande bewegte sich eine Schar von weißgekleideten Ehrengreisinnen, keine unter siebenzig Jahren, ehrwürdig mit den kahlen Köpfen wackelnd, manch eine mit Goethe noch persönlich bekannt. Dann rauschte die – Fahne! Viehzüchter Schlampke schwenkte sie nervig. Sie war von Sattler Säulchen, dem geschätzten Mitgliede des Vereins, gegen den Erlaß des Jahresbeitrages von 1,50 M. gestiftet worden: ein ehemaliger Bettvorleger, von Fräulein Säulchen mit innigen Versen unserer großen Dichter geschmückt. Hinter der Fahne aber (man telegraphiere nach Berlin, drahte nach Newyork, schreie es in alle Winde: sie sollen es tragen bis Appenzell und Yokohama) rollte ein Kinderwagen aus schwarz-weiß-rotem Korb, geschoben von Frau Präsident Schaulke in platzender Seidentoilette. In dem Wagen lag, sorglich in warme Kissen gebettet, die Füße bis an den rosigen Bauch heraufgezogen, die Händchen ans Gesicht gepreßt, die Augen geschlossen – Kaspar Schmetterling, der große, allgemein bekannte, gerühmte und geachtete, bisher ungeborene vaterländische Dichter. Er war im achten Monat. Weinerlich klang seine Stimme in die von den Häusern zurückprallenden Posaunenstöße der Stadtkapelle. Auf seiner weichen, weißen Stirne sonnte sich ein roter Marienkäfer.
Aus: Kunterbuntergang des Abendlandes.
Clarisse1 - 18. Jan, 13:06
von Karl Immermann (1796 – 1840)
[...] Seit meinem zehnten Jahre entbrannte in mir ein Lesehunger, der sich lange fortsetzte und den ich jetzt mir hin und wieder wünschen möchte. Diese Krankheit erscheint fast in allen Kindern, welche mit einigem Talent ausgestattet wurden. Der bloße Anblick eines Buches versetzt das damit behaftete Kind in eine Art von zitternder Begierde, die weniger die Stillung einer eigentlichen Neugier sucht, sondern aus der ersten Ahnung von dem unermeßlichen Reiche des Wissens entspringt. Nur im Gedruckten, was es auch sei, lebt und webt das junge Geschöpf, die entlegensten Winkel werden aufgesucht, um die geliebte Speise in Muße verzehren zu dürfen, frühe Morgen- oder späte Abendstunden bringen keinen Schlaf in das nach den Lettern verlangende Auge.
Ich las, wessen ich nur habhaft werden konnte und genoß die seligsten Stunden bei dem, was ich verstand und – nicht verstand. Reisebeschreibungen, Biographien, Romane, Schauspiele wurden verschlungen. Aber auch das, was für meine Jahre von keinem Interesse sein konnte, war mir eine genehme Kost; ich arbeitete mich durch den ganzen weitschichtigen Abbé de la Pluche hindurch und sogar durch drei Bände von schlesischer Landwirtschaft, die ich mir aus des Vaters Bibliothek zu verschaffen gewußt hatte. Ich war unglaublich fertig im Schnellesen und ein nicht gar zu dicker Band kostete mich selten mehr als einen Tag.
Mein Vater aber, dem diese Wut gefährlich für die Sinne und Phantasie seines Sohnes vorkommen mochte, erließ plötzlich das geschärfteste Edikt, daß ich nichts mehr lesen solle, als was er mir in die Hand gebe, worauf mir denn von ihm schmale Portionen zugingen, wöchentlich etwa ein Buch, meistenteils Reisen.
Daß eine solche Untersagung, die in den vollen Wachstum des Naturtriebes einschnitt, nichts verfing, war natürlich. Ich befriedigte meine Gelüste nun heimlich, wie es nur immer angehen wollte, nur noch glücklicher im verbotenen Genuß. Eines Tages saß ich denn auch im stillen Hinterstübchen, hingenommen von einer alten Schwarte und meines Wähnens völlig sicher. Die Lektüre war eine völlig unschuldige; ich las in einer Wiener Übersetzung vom Jahre 1720 oder da so herum "des christlichen Märtyrers Polyeukt aus dem Französischen des Herrn Peter Corneille". – Polyeukt will sich taufen lassen, dann will er doch wieder nicht, weil seine Gemahlin schlechte Träume gehabt hat, und dann geht er doch mit Nearch ab, sich taufen zu lassen. Paulina, die Gemahlin, erzählt Stratonicen, daß sie Severen geliebt habe; aber:
Bei aller großen Brunst, die er und ich auch hatten,
Von meinem Vater nur erwartet ich den Gatten,
Wen er mir geben möcht, zu freien stets bereit . . .
Auch sie sagt, wie schlecht sie die Nacht geschlafen habe. Felix, der Landpfleger, kommt und meldet seiner Tochter, Sever, der alte, totgeglaubte Galan, lebe und sei vor den Toren von Melitene; sie müsse ihn durchaus mit Höflichkeit empfangen, da er ein großes Tier bei Hofe geworden sei. Paulina will nicht. Da sie aber eine Komposition von Tugend und Gehorsam ist, so wirkt der Vater mit seinem Ansehen auf die letzteren Spezies; und Paulina ruft:
Ja denn! Ich muß von neu'm bezähmen mein Gefühl,
Bin Eures Machtgebots ergebnes Opferspiel!
Bei diesen verhängnisvollen Worten ergriff mich die Nemesis. Ich hörte meinen Namen mit dem bekannten erschütternden Tone hinter mir rufen, erschrak, der christliche Märtyrer flog, wie sein Kopf im späteren Verlauf der Tragödie, blitzschnell unter den Tisch; ich wandte mich, mein Vater stand in der Kammer. Er sagte nichts, deutete nur mit dem Finger nach dem Buche, ich erhob es, reichte es ihm dar, ungefähr mit der Empfindung im Herzen, die ich nachmals, da ich den Polyeukt ohne Furcht lesen durfte, an Nearchen kennenlernte, als er nicht so rasch, wie der Held, in jene Ewigkeit einzugehen wünscht. Mein Vater sah das Titelblatt an, steckte das Buch zu sich, unbeweglich blieb sein Antlitz, kein Vorwurf überschritt die Lippen, schweigend verließ er die Kammer. Ich wußte aber, was es an der Zeit sei, noch ehe ein Dritter kam, der mir ankündigte, der Vater habe als Strafe festgesetzt, daß ich heute und morgen und übermorgen für mich bleiben solle und nicht am Tische der Eltern essen dürfe. Diese Ehrenbuße war mir die empfindlichste; aber weder meine Tränenklage noch die fürbittende Vorstellung des wohlwollenden Dritten, daß jener armenische Blutzeuge unter Kaiser Decius wohl unmöglich meine Einbildungskraft habe vergiften können, vermochte sie zu wenden. Es blieb bei der Sentenz und sie kam ohne Milderung zur Vollstreckung, denn mein Vater dachte, wie der große Kurfürst:
Ich will, daß dem Gesetz Gehorsam sei.
Aus: Memorabilien. Pädagogische Anekdoten.
Clarisse1 - 18. Jan, 10:46
Die Grausamkeit und Verlogenheit des Philistertums geht daraus hervor, daß es bei seinen abgegriffenen Meinungen bleibt, auch wenn es das Gegenteil noch so empfindlich spürt, wenn ihm die eigene Haut über die Ohren gezogen wird.Grete Meisel-Hess (1879 – 1922)
Clarisse1 - 17. Jan, 17:18
Freundschaft kritisiert nicht in der Stunde des Leidens, sagt nicht nüchtern verständig "wenn du es so oder so gemacht hättest", sondern öffnet einfach die Arme und spricht: "Ich frage nicht, ich urteile nicht, hier ist ein Herz, daran ruh aus." Ja, wenn man immer im voraus wüßte, wie man handeln müßte, dann gäb es keinen Irrtum. Die Freundschaft rät und warnt vorher; nachher liebt sie, das nur ist die echte; die falsche macht es umgekehrt.Malwida Freiin von Meysenbug (1816 – 1903)
Clarisse1 - 17. Jan, 11:26
Der wahre Brief ist seiner Natur nach poetisch.Novalis (1772 – 1801)
Clarisse1 - 16. Jan, 16:50
Der Philister erniedrigt jede »heilige Erkenntnis« zu einer Selbstverständlichkeit, nur um darüber zur Tagesordnung übergehen zu können. Er sagt: Das weiss ja sowieso ein Jeder!
Dem anderen, der es ernst und idealisch meint mit dem Leben, ist es eine »Offenbarung«.Peter Altenberg (1859 – 1919)
Clarisse1 - 15. Jan, 10:34
von Wilhelm Busch (1832 – 1908)
Ein gutes Tier
Ist das Klavier,
Still, friedlich und bescheiden,
Und muß dabei
Doch vielerlei
Erdulden und erleiden.
Der Virtuos
Stürzt darauf los
Mit hochgesträubter Mähne.
Er öffnet ihm
Voll Ungestüm
Den Leib, gleich der Hyäne.
Und rasend wild,
Das Herz erfüllt
Von mörderlicher Freude,
Durchwühlt er dann,
Soweit er kann,
Des Opfers Eingeweide.
Wie es da schrie,
Das arme Vieh,
Und unter Angstgewimmer
Bald hoch, bald tief
Um Hülfe rief,
Vergeß ich nie und nimmer.
Clarisse1 - 14. Jan, 11:42
von Johann Wolfgang Goethe (1749 – 1832)
Aus einer großen Gesellschaft heraus
Ging einst ein stiller Gelehrter zu Haus.
Man fragte: "Wie seid Ihr zufrieden gewesen?"
"Wären's Bücher", sagt' er, "ich würd sie nicht lesen."
Clarisse1 - 13. Jan, 15:25
»Der Philister negirt nicht nur andere Zustände, als der seinige ist, er will auch, daß alle übrigen Menschen auf seine Weise existiren sollen. Er geht zu Fuß und ist sein Lebenlang zu Fuß gegangen. Nun sieht er jemand in einem Wagen fahren. Was das für eine Narrheit ist, ruft er aus, zu fahren, sich dahin schleppen lassen von Pferden! Hat der Kerl nicht Beine! Wozu sind denn die Beine anders als zum Gehen? Wenn wir fahren sollten, würde uns Gott keine Beine gegeben haben! – Was ist es denn aber auch weiter! Wenn ich mich auf einen Stuhl setze und Räder unten anbringe und Pferde vorspanne, so kann ich auch fahren so gut wie jener. Das ist keine Kunst!
Man wird in philisterhaften Äußerungen immer finden, daß der Kerl immer zugleich seinen eignen Zustand ausspricht, indem er den fremden negirt, und daß er also den seinigen als allgemein sein sollend verlangt. Es ist der blindeste Egoismus, der von sich selbst nichts weiß, und nicht weiß, daß der der andern ebensoviel Recht hätte, den seinigen auszuschließen, als der seinige hat, den der andern.«
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Johann Wolfgang von Goethe im Gespräch mit Friedrich Wilhelm Riemer am 18. August 1807.
Clarisse1 - 12. Jan, 14:14
von Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)
Die armen Worte, die im Alltag darben,
die unscheinbaren Worte, lieb ich so.
Aus meinen Festen schenk ich ihnen Farben,
da lächeln sie und werden langsam froh.
Ihr Wesen, das sie bang in sich bezwangen,
erneut sich deutlich, daß es jeder sieht;
sie sind noch niemals im Gesang gegangen,
und schauernd schreiten sie in meinem Lied.
Clarisse1 - 12. Jan, 13:01
von Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)
Nirgends, Geliebte, wird Welt sein, als innen. Unser
Leben geht hin mit Verwandlung. Und immer geringer
schwindet das Außen. Wo einmal ein dauerndes Haus war,
schlägt sich erdachtes Gebild vor, quer, zu Erdenklichem
völlig gehörig, als ständ es noch ganz im Gehirne.
Weite Speicher der Kraft schafft sich der Zeitgeist, gestaltlos
wie der spannende Drang, den er aus allem gewinnt.
Tempel kennt er nicht mehr. Diese, des Herzens, Verschwendung
sparen wir heimlicher ein. Ja, wo noch eins übersteht,
ein einst gebetetes Ding, ein gedientes, geknietes –,
hält es sich, so wie es ist, schon ins Unsichtbare hin.
Viele gewahren's nicht mehr, doch ohne den Vorteil,
daß sie's nun innerlich baun, mit Pfeilern und Statuen, größer!
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Aus: Duineser Elegien. Die siebente Elegie
Clarisse1 - 11. Jan, 12:53