Die Sitte des In-den-April-Schickens ist bei uns lange nicht genug verbreitet und geübt. Der erste April müßte ein wahrer Festtag für die Nation werden, ein Dies Saturnalius – in jedem Falle ein liebenswürdigerer Feiertag als mancher offizielle.Christian Morgenstern (1871 – 1914)
Clarisse1 - 1. Apr, 09:26
V E R G Ä N G L I C H K E I T ! Wort, das Gott-Welt enthüllt.
Wer dürfte dauern, den ein Ziel erfüllt?
O Tod, so nimm denn dies mein Leben hin.
Dein Sinn ist tief, dein Sinn ist stets mein Sinn.
Christian Morgenstern (6. Mai 1871 – 31. März 1914)
Clarisse1 - 31. Mär, 17:58
Das Warenhaus
von Christian Morgenstern (1871 – 1914)
Palmström kann nicht ohne Post
leben:
Sie ist seiner Tage Kost.
Täglich dreimal ist er ganz
Spannung.
Täglich ists der gleiche Tanz:
Selten hört er einen Brief
plumpen
in den Kasten breit und tief.
Düster schilt er auf den Mann,
welcher,
wie man weiß, nichts dafür kann.
Endlich kommt er drauf zurück,
auf das:
'Warenhaus für Kleines Glück'.
Und bestellt dort, frisch vom Rost
(quasi):
ein Quartal – 'Gemischte Post'!
Und nun kommt von früh bis spät
Post von
aller Art und Qualität.
Jedermann teilt sich ihm mit,
brieflich,
denkt an ihn auf Schritt und Tritt.
Palmström sieht sich in die Welt
plötzlich
überall hineingestellt . . .
Und ihm wird schon wirr und weh . . .
Doch es
ist ja nur das – 'W.K.G.'
Clarisse1 - 12. Jan, 12:20
von Alfred Lichtenstein* (1889 – 1915)
Helle Länder sind deine Augen.
Vögelchen sind deine Blicke,
Zierliche Winke aus Tüchern beim Abschied.
In deinem Lächeln ruh ich wie in spielenden Booten.
Deine kleinen Geschichten sind aus Seide.
Ich muß dich immer ansehen.
Aus: Alfred Lichtenstein: Die Gedichte des Kuno Kohn. In: Ders.: Gesammelte Gedichte. Zürich: Arche 1962, S. 77.
*, der vor genau hundert Jahren, am 3. Januar 1914, zum Dr. phil. promoviert wurde und schon im darauffolgenden Jahr, am 25. September 1915, im Alter von 25 Jahren in der Nähe von Vermandovillers bei Reims fiel.
Clarisse1 - 3. Jan, 14:26
von Cäsar Flaischlen (1864 – 1920)
Komm, vergiß einmal all die Geschichten
komm und begrab einmal all den Kram!
es sind ja doch nur Lumpereien,
die einem nur das Herz zerquälen,
die einen nur müde machen und lahm!
Die Menschen sind so, ich weiß es wohl:
statt fröhlich und guter Dinge zu sein,
vernörgeln sie sich die schönsten Stunden
mit kindisch törichten Hetzerein.
Sie möchten es selbst nicht, wenn man frägt ...
sie sehnen sich, harmloser sein zu dürfen,
sie nennen es Unrecht, Schande und Hohn
und möchten heraus aus all dem Gezänke ...
und kommen doch nicht los davon ...
und wenn man so zusieht, wie sie allmählich
mutloser werden, trüber und trüber ...
Mein Gott, man könnte weinen drüber!
Lebt mit mehr Freude! ach, ich möcht's
groß wie die Sonne an den Himmel schreiben,
daß es wie Feuer in die Herzen loht ...
lebt mit mehr Freude und ohne die Not
und ohne den Haß und ohne den Neid,
an den ihr das halbe Leben verpaßt ...
macht's euch zu Lust und nicht zu Last!
lebt mit mehr Freude,
lebt mit mehr Rast!
Aus: Cäsar Flaischlen: Gesammelte Dichtungen. Band 2. Aus den Lehr- und Wanderjahren des Lebens. Gedichte, Brief- und Tagebuchblätter in Versen. Ziel-entgegen. 1. Sylvester, S. 137f.
Clarisse1 - 31. Dez, 13:51
Man sieht oft etwas hundert Mal, tausend Mal, ehe man es zum allerersten Mal wirklich sieht.Christian Morgenstern (1871 – 1914)
Clarisse1 - 27. Dez, 16:39
Es gibt in der Kunst ein unumstößliches Gesetz. Was einer recht auffällig ins Schaufenster legt, das führt er gar nicht. Brecht keine Männlichkeit, Keyserling keine Weisheit und Spengler keine Ewigkeitsperspektive.Peter Panter [i. e. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)]
Clarisse1 - 5. Dez, 10:36
Liebe erblüht im Staunen einer Seele, die nichts erwartet, und sie stirbt an der Enttäuschung des Ichs, das alles fordert.Gustave Flaubert (1821 – 1880)
Clarisse1 - 24. Nov, 17:08
Mancher Mensch gleicht einer Bahn, deren Gleis an den Hinterseiten der Häuser vorübergeleitet ist. Er sieht auf seinem Lebenswege ewig nur die Kehrseite des Lebens.Christian Morgenstern (1871 – 1914)
Clarisse1 - 28. Okt, 17:48
Clarisse1 - 16. Okt, 15:33
Es gibt kaum eine größere Enttäuschung, als wenn du mit einer recht großen Freude im Herzen zu gleichgültigen Menschen kommst.Christian Morgenstern (1871 – 1914)
Clarisse1 - 14. Sep, 10:42
von Melanie Ebhardt (1879 – 1919)
Tauch' tief hinein in deine ewige Flut,
Tief, tief, daß du des Glückes Perle findest,
Nach der du nie die Sehnsucht überwindest,
Die schimmernd dir in Lebenstiefen ruht.
Ist denn der Schmerz ein höchstes Daseinsgut,
Daß du dir selbst der Seele Kräfte bindest
Und träumerisch dir Totenkränze windest?
Empor den Blick! Noch glänzt dir Morgenglut!
Fühlst du dir sehnend nicht das Herz erbeben?
Reiß' vom zuvielgeliebten Gram dich los,
Der unstet dich und fruchtlos umgetrieben.
Was willst du länger noch die Schmerzen lieben?
Erschöpfter Dulder! Sieh, die Welt ist groß,
Und tausendfach gesegnet ist das Leben!
Clarisse1 - 31. Aug, 09:54
von Max Dauthendey (1867 – 1918)
Der Wind wühlt in dem Lindenbaum.
Der Wind, der meine Stirne kühlt,
Treibt Wolken durch den Abendraum.
Vom Tag klingt in ihm manches Wort,
Das noch in meinem Blute singt,
Und geht nicht mit dem Abend fort.
Lautatmend geht der Wind ums Haus,
Aufbrausend er im Dunkeln steht,
Doch löscht er nicht die Worte aus.
Clarisse1 - 18. Jul, 10:40
Das großartigste Erlebnis im Leben ist, tiefe Gedanken zu teilen und sich dann zu berühren.William Butler Yeats (1865 – 1939)
Clarisse1 - 10. Jul, 14:30